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Die stille Bergwelt jenseits der touristischen Küsten Kretas
Ich stehe im Schatten einer Wallonen-Eiche, deren Blätter und Zweige sich im Wind wiegen. Ich blicke zurück auf die Straße die sich durch ein Tal die bergige Landschaft hinaufschlängelt. Die Zikaden zirpen unter der Spätsommer-Sonne Kretas, keine Wolke ist am Himmel. Die Hitze hier oben ist deutlich erträglicher als noch vor 30 Minuten am Flughafen Heraklion, als wir den Mietwagen entgegen nahmen und uns auf den Weg ins Psiloritis-Massiv machten. Ich lasse den Blick über die mit Olivenbäumen bewachsene Landschaft schweifen, mache ein, zwei Fotos und sauge diese Atmosphäre nach dem Flughafentrubel in mich auf. Gleich geht es zum eigentlichen Ziel weiter. Kein 5-Sterne-Hotel an der Küste, kein Familienressort mit All-Inclusive-Buffet und Kinderanimation, keine Touristenmassen wie das Jahr zuvor in Sithonia. Nein, wir sind auf der Suche nach Ruhe und Ursprünglichkeit, Authentizität und kretische Tradition. Wir hoffen genau dies hier oben in den Bergen zu finden, in einer Ökotourismus-Anlage im Dorf Axos.

Warum wieder Kreta? Und warum nicht die Küste?
Wir sind also auf dem Weg ins Enagron Ecotourism Village, gut eine Stunde oder 50km vom Flughafen Heraklion entfernt. Das Enagron liegt im Norden des Psiloritis Massivs auf einer kleinen Ebene unterhalb des Dorfes Axos, auf etwa 500m Höhe. Zum nächsten Strand an der Nordküste sind es etwa 35km und eine knappe Stunde Fahrzeit, daran lässt sich unschwer erkennen, wie kurvig die Straßen und wie bergig die Gegend hier ist. Der höchste Berg des Psiloritis-Massivs bzw. des Idagebirges ist der Timios Stavros mit 2456m.
Aber wieso ausgerechnet hier Urlaub machen? Abseits der Touristenzentren und weit weg vom Meer im Inselinneren? Die Antwort darauf steckt bereits in den Fragen: Nach unserem Erlebnissen auf der Chalkidiki im Vorjahr und bei unserer letzten Reise auf Thassos 2023 wollten wir alles daran setzen Touristenmassen und Massentourismus zu umgehen. Aber wieso nicht einfach eine andere Reisezeit wählen? Geht nicht aufgrund unserer Bindung an bayerischen Ferienzeiten. Also begaben wir uns auf die Suche nach einem geeigneten Ziel. Bei Kreta sind wir eher zufällig gelandet, selbst Griechenland war kein Muss, auch wenn wir das Land lieben.
Auf Kreta waren wir schon im Jahr 2012 und 2017, wir kennen die Insel in kleinen Teilen also. Zumindest die touristischen Zentren, wie Rethymnon, Chania, Heraklion etc. waren und sind uns durchaus bekannt. Nach tieferer Recherche wurde uns schnell klar, dass Kreta ein enorm vielfältiges Reiseziel ist und viel mehr zu bieten hat, als die klassischen Touristenzentren an der Nordküste. Das ist eigentlich auch nicht verwunderlich, immerhin ist Kreta die größte griechische Insel und die fünftgrößte Insel im Mittelmeerraum. Mit mehr als 600.000 Einwohnern ist Kreta darüber hinaus nicht nur ein „Touristen-Disneyland“, sondern die Heimat von knapp 6% der griechischen Bevölkerung. Auf Kreta kann man also noch traditionelles und ursprüngliches Griechenland erleben, ganz ohne musealen Charakter. Dafür muss man aber die „Komfortzone“ verlassen und sich ins Hinterland begeben.

Und genau hierfür wurden wir beim Engagron Ecotourism Village fündig: Eingebettet in ursprüngliche Natur unterhalb des Bergdorfes Axos liegt die Hotelanlage, die ihrem Namen vollends gerecht wird. Die Häuser und Wohneinheiten bzw. Zimmer wurden in traditioneller Architektur errichtet, bieten aber trotzdem alle Annehmlichkeiten, die man erwartet. Großer Wert wird auf Nachhaltigkeit gelegt: Nicht nur in Hinblick auf die Lebensmittel, die teils selbst unter „Bio-Bedingungen“ angebaut werden und die traditionelle Küche des Hotels bereichern, sondern auch in Bezug auf das Selbstbild, das der Familienbetrieb hat: Keine Touristenmassen, keine Ausbeutung der Natur. In der Umgebung ist auch kein weiteres Hotel. Selbst zur Hauptsaison ist hier Ruhe garantiert. Eine Oase in Mitten des kretischen Trubels der Küsten. Ein wahrer Rückzugsort für Personen, die die Abgeschiedenheit der Berge genießen wollen, ohne ein Gefühl der „Verlassenheit“, immerhin ist man ja in einem kleinen Dorf mit anderen Gästen. Für sämtliche Annehmlichkeiten, die man als Familie erwartet ist ebenfalls gesorgt: ein tolles Frühstücksbuffet, eine herausragende Küche, klimatisierte Räume, ein grandioser Pool mit Blick auf die gegenüberliegende Schlucht, die einen ganz besonderen Bewohner beherbergt: Gänsegeier. Bei guter Thermik schwimmt man also im Pool, während man diesen majestätischen Vögeln zusehen kann, wie sie über dem Tal kreisen.

Neben bedrohten Vogelarten, wie eben dem Gänsegeier oder dem Bartgeier, finden im Psiloritis-Massiv auch hunderte weitere Vogelarten einen Rückzugsort, der durchgehend ihre Heimat ist oder nur als Zwischenstation beim Vogelzug (gen Süden im Herbst und Richtung Norden im Frühjahr) genutzt wird. Von den 1700 hier heimischen Pflanzenarten findet man 10% ausschließlich in dieser Gegend. Auch geologisch ist das Bergmassiv eine Besonderheit: Aufgefaltet durch tektonische Aktivitäten in den letzten 5 Millionen Jahren und geprägt von starker Verkarstung findet man vielerorts interessante Gesteinsformationen, aber auch Tropfsteinhöhlen. Diese Vielfalt führte 2001 zur Gründung des gut 1200 km² großen UNESCO Global Geoparks Psiloritis, er ist Teil des European Geoparks Network.
Der Mensch hat diesen Landstrich seit der paläolithischen Zeit bewohnt und geprägt. Mythen und Traditionen entstanden hier. So befindet sich der mythologische Geburtsort des Göttervaters Zeus, die idäische Höhle (Ideon Andron) unnweit der Nida-Hochebene inmitten des Geoparks. Bereits die Minoer siedelten hier und hinterließen ihre Spuren. Aber auch heute noch lebt die Tradition: die runden, aus Trockenmauern errichten Steinhütten, die sogenannten Mitata sind allgegenwärtig und werden auch heute noch von den Hirten genutzt – und neu errichtet.
Das Enagron bietet also einen anderen Urlaub, abseits der Massen uns abseits des All Inclusive Buffets. Wer Ruhe, Ursprünglichkeit und Natur sucht, der ist hier genau richtig. Wer aber eher 5-Sterne-Luxus und Strandurlaub sucht, der wird hier logischerweise nicht fündig.
Landschaften zwischen Himmel, Stein und Wasser
Das Enagron in Axos ist also unser Heimathafen für die nächsten 9 Tage. Wir haben uns ein paar Ausflüge mit dem Mietwagen vorgenommen, nicht nur im Umkreis, sondern auch zum Meer. Immerhin wollen wir die Spätsommersonne der ersten Septemberwoche nutzen. Aber auch das Enagron selbst, bietet verschiede Aktivitäten, an denen man teilnehmen kann. Manche davon sind sogar kostenfrei, wie der Besuch der hauseigenen Farm mit Eseln, Ziegen, Hühnern und Enten. Nicht nur für die Kinder ist es interessant und lehrreich beim Ziegenmelken zuzusehen oder mal selbst Hand anzulegen. Für unsere Kinder war es aber auch toll die Esel bürsten zu dürfen.
Darüber hinaus werden an unterschiedlichen Tagen verschiedene Wanderungen in das Umland angeboten sowie ein botanischer Spaziergang. Kochkurse für traditionell kretische Küche und ein Kurs für Brot- und Käseherstellung runden das Angebot für Klein und Groß ab. Mehr dazu findet man auch auf der Enagron-Homepage.
Nida Hochebene
Unser erster Ausflug führt uns auf die Nida-Hochebene im Psiloritis-Gebirge, ca. 30 km und 50 Minuten von Axos entfernt. Die Hochebene liegt auf etwa 1350m Höhe und erstreckt sich über mehrere Kilometer. Die Vegetation ist sehr karg und besteht im wesentlichen aus Buschwerk, wenigen Bäumen und v.a. aus Gras. Letzteres macht die Nida zu einer Sommerweide für die Schäfer von Anogia, die auch hier mehrere Mitata haben.

Auf dem Weg zur Nida-Hochebene kommen wir an der archäologischen Ausgrabungsstätte Zominthos vorbei. Diese spätminoischen Überreste verdeutlichen, dass bereits in der Antike Menschen im Hochland Kretas gesiedelt hatten. Leider hatte das Ausgrabungsareal geschlossen, Öffnungszeiten waren nicht ersichtlich. Wir hatten den Eindruck als wären hier großzügig EU-Mittel in die Anlage inkl. Parkplätze investiert worden, aber für den Betrieb war nichts mehr übrig. Wie und wann man die Anlage besichtigen kann konnten wir auch mit ausgiebiger Internetrecherche nicht herausfinden. Fotos lassen aber darauf schließen, das es manchen Personen durchaus gelungen sein muss ;-) Wir nutzen den Parkplatz und erkundeten zu Fuß die Umgebung, was ebenfalls sehr lohnenswert war: Man nimmt die Umgebung viel intensiver war. Man riecht die wilden Kräuter in der von der Sonne aufgeheizten Umgebung. Man spürt den warmen Wind auf der Haut und man sieht Details, die man aus dem Auto sicherlich übersehen hätte. Unser Ziel: Ein Mitato direkt neben der Straße. Es ist ein kleines Abenteuer sowohl für die Kinder, als auch für uns, durch den niedrigen, schmalen Eingang zu gehen und die Trockenbaukunst zu bewundern. Im Inneren herrscht eine angenehme Temperatur. Die Steine sind so geschichtet, dass sie eine Kuppel bilden, die in der Mitte ein Loch offen lässt und den Blick auf den blauen Himmel freigibt – wie ein steinernes Auge, das diese Gegend nicht besser beschreiben könnte. Runde Mitata gibt es nur im Psiloritis-Massiv. Auf einer Fläche gegenüber der Straße befand sich ein Mitato im Bau. Es war zwar niemand zugegen, aber die Materialien lagen dort erst seit kurzem und man sah, dass sich der Rundbau im Aufbau befindet. Mehrere Infotafeln in der näheren Umgebung erklären die geologischen Besonderheiten sowie die Flora der Gegend. Wie gesagt, manchmal lohnt es sich das Auto stehen zu lassen und die Umgebung zu Fuß zu erkunden.

Nach guten 10km Fahrt erreichen wir schließlich die Nina-Hochebene. Wir lassen den Mietwagen bei der Nida Lodge stehen, einer verfallenen Taverne, die schon bessere Zeiten gesehen hat. Bis hier her führt auch die asphaltierte Straße. Alles was danach kommt ist Schotterpiste. Als wir aussteigen sind wir alleine hier, keine anderen Touristen, niemand. Wir schauen über die riesige Fläche der Hochebene, spüren den Wind und die Sonne auf der Haut. Trotz Höhenlage und Spätsommer ist es heiß. Wir packen unsere Rucksäcke und schlagen einen schmalen Weg ein, der abseits der Straße einen Hang hoch führt – wir folgen dem Wegweiser zur Idäischen Grotte (Ideon Andron). Festes Schuhwerk und Trittsicherheit sind definitiv empfohlen. Der Weg besteht aus groben, teils losen Steinen. Nach kurzer Zeit merken wir, dass der Fußweg die eigentliche Straße zur Grotte kreuzt, wir kürzen also die Kurven der Straße „querfeldein“ ab. Wer also den einfacheren Weg wählen möchte und dafür lieber einen weiteren Weg in Kauf nimmt, der geht einfach über die Straße. Oder er ignoriert die Mietwagenbestimmungen und fährt über die Schotterpiste und danach über den gepflasterten Weg bis zum Eingang der Grotte. Nachdem ich habe der Meinung bin, dass man manche Wege durchaus zu Fuß gehen sollte, damit man die Umgebung auch wirklich wahrnimmt und kennen lernen kann – man kann sich denken, dass unsere Kinder hierbei oft anderer Meinung sind ;-)
Auf unserem Weg gehen wir auch an einer Ziegenherde vorbei, die im Schatten der wenigen Bäume döst. Wir hören vereinzelt das Klingeln der Glocken, die sie um den Hals tragen und das vorwurfsvolle Meckern, aufgrund der Störung ihrer Siesta durch unsere Anwesenheit. Der Geruch der Ziegen erfüllt die Luft, wir folgen dem Wegweiser weiter hinauf – die Vegetation wird immer spärlicher. Das letzte Stück zum Eingang des Areals legen wir auf der gepflasterten Straße zurück, bevor wir schließlich vor dem Kassenhäuschen stehen. Wir sind etwas irritiert: Die Einrichtungen, genau wie die Straße, sehen sehr neu aus, es gibt ein Schild mit dem Hinweis über EU-Förderung, nur ist hier niemand. Keine anderen Touristen, kein Angestellter, niemand. Mich beschleicht der gleiche Gedanke, wie bei Zominthos.
Wir durchschreiten das Vorfeld der Grotte – hier war oder ist wohl eine Veranstaltung geplant, es wurde eine mobile Bühne aufgebaut, Ton- und Lichtequipment stehen bereit. Ich Nachgang finde ich heraus, dass hier manchmal Konzerte/Aufführungen stattfinden.
Die Grotte ist über eine Treppe in die Tiefe erreichbar. Die Dimensionen sind eindrucksvoll, die Vogelkacke ebenso ;-) Die Grotte scheint ein idealer Lebensraum für diverse Vögel und Fledermäuse zu sein. Der mythologische Hintergrund ist jedoch deutlich glanzvoller: Die Höhle gilt als Geburtsort des Zeus Kretagenes. Ausgrabungen, die seit 1885 hier stattfinden, lieferten Funde aus der Neusteinzeit, aber vor allem aus der Zeit der Minoischen Kultur.
Vom Rand des Areals hat man einen tollen Blick über die Nida-Hochebene, den wir nochmal genießen, bevor wir uns wieder auf den Weg hinunter machen. Die Grotte hat zwar eine große mythologische Bedeutung und ein Besuch kann auch lohnenswert sein, man sollte sich nur nicht zu viel versprechen. Inwieweit hier weitere Baumaßnehmen geplant sind oder eine infrastrukturelle Aufwertung stattfindet, konnte ich leider nicht herausfinden.
Sfentoni Tropfsteinhöhle
Unweit von Axos liegt eine der größten besuchbaren Tropfsteinhöhlen Kretas: Die Sfentoni Tropfsteinhöhle. das wollten wir uns natürlich nicht entgehen lassen und so führen wir die knapp 5km oder 10 Minuten vom Enagron in das Nachbardorf Zoniana, wo sich unweit des Ortseingangs die Tropfsteinhöhle befindet. Wer also sowieso in der Nähe ist, sollte sich dieses Naturjuwel nicht entgehen lassen, aufgrund der Abgelegenheit ist sie auch nicht überrannt und es verirren sich v.a. griechische Touristen hierher.
Im Inneren öffnet sich ein rund 3000 bis 3500 m² großes unterirdisches Labyrinth aus 14 farbenreichen Kammern, durch das ein 270 Meter langer Weg führt, der etwa zwei Drittel der Höhle erschließt. Besucher erwarten außergewöhnliche Stalaktiten- und Stalagmitenformationen, versteinerte Wasserbecken und sogar seltene „Höhlenperlen“. Die Temperatur liegt konstant bei kühlen 16–17 °C, weshalb Hirten früher die Eingangskammer als Käselager nutzten. Archäologische Funde belegen eine Nutzung seit der Jungsteinzeit, und der Fund eines etwa 900 Jahre alten Kinderskeletts sorgt bis heute für lokale Legenden. Die Höhle dient vier verschiedenen Fledermausarten und zahlreichen wirbellosen Tieren wie Spinnen, Tausendfüßer und isopode Höhlenbewohner – einige davon blind, farblos und ausschließlich hier vorkommend, als Lebensraum
Die Höhle lässt sich nur im Rahmen geführter Touren besichtigen und ist ganzjährig zugänglich – im Sommer täglich, im Winter eingeschränkt. Da für die Tour immer gewartet wird, bis ein paar Leute zusammenkommen, kann man die (kurze) Wartezeit bei einem Kaffee und mit herrlicher Aussicht über die Landschaft in der ansässigen Snackbar verbringen (die Tickets für die Führung kauft man ebenfalls dort). Die Führung ist kurzweilig, interessant und lehrreich. Eine klare Empfehlung!
Wo die Geier tatsächlich kreisen
Als leidenschaftlicher Fotograf hatte ich es gehofft, aber nicht direkt erwartet: Die Beobachtung von Gänsegeiern. Der Gänsegeier ist einer der eindrucksvollsten Greifvögel Kretas und prägt mit seinen majestätischen Kreisen das Bild der kargen Gebirgslandschaften. Auf der Insel lebt die Unterart Gyps fulvus fulvus, deren Bestand mit rund 350–450 Individuen erstaunlich stabil geblieben ist. Besonders in den Regionen rund um den Psiloritis und in den Weißen Bergen stehen die Chancen gut, diesen bis zu 2,8 Meter spannenden Segelflieger in freier Wildbahn zu beobachten. Mit seinem hellen Kopf, der weißen Halskrause und dem kräftigen, brettartigen Flügelschlag ist der Gänsegeier unverwechselbar. Da er sich fast ausschließlich von Aas ernährt, übernimmt er eine wichtige ökologische Rolle als „Gesundheitspolizei“ der Natur.

Ich hatte mich also auf eine Sichtung vorbereitet und auch mein FUJINON XF100-400mm Teleobjektiv eingepackt, dass die Geier direkt im Tal gegenüber des Enagron eine Kolonie haben und man sie teilweise direkt über dem Hotel kreisen sieht, das hätte ich nicht erwartet. Umso mehr war ich begeistert, als wir auf dem Weg zum Halepa Kloster zufällig sogar die Felsformation gefunden hatten, auf dem die Geier sich sammelten. Ob sie dort direkt ihre Nester hatten, konnte ich nicht beurteilen. Für mich war es sehr ergreifend, diese großen, majestätischen Tiere dabei zu beobachten, wie sie auf dem Felsen landen bzw. mit einem Sprung von der Klippe starten.
Der Gänsegeier ist auf Kreta deutlich häufiger anzutreffen und bevorzugt niedrigere bis mittlere Höhenlagen, in denen er ausreichend Thermik und vor allem Nahrung findet. Typisch sind offene, felsige Landschaften und Schluchten wie man sie um Axos findet und wo verendete Nutztiere wie Ziegen und Schafe reichlich vorkommen – seine Hauptnahrungsquelle, da er sich fast ausschließlich von Aas ernährt. Seine Kolonien liegen meist an steilen Felswänden, aber in Höhen, die noch gut erreichbar und thermisch stabil sind.

Der Bartgeier hingegen lebt in deutlich höheren, abgeschiedenen Gebirgsregionen, im Psiloritis Massiv ab ca. 1.500m. Dort findet er die steilen Felswände und Hochplateaus, die er benötigt, denn er ist spezialisiert auf eine ganz außergewöhnliche Nahrungsstrategie: Er frisst fast ausschließlich Knochen, die er aus großer Höhe auf Felsen fallen lässt, um sie zu zerschlagen. Diese hochalpinen Bereiche bieten ihm nicht nur geeignete Brutplätze, sondern auch die Ruhe, die er als selten gewordene und störungsempfindliche Art braucht.
Kurz gesagt: Gänsegeier nutzen die reichere Thermik und das größere Nahrungsangebot der mittleren Höhenlagen, während Bartgeier als Spezialisten die einsamen Hochgebirgsregionen Kretas bewohnen – ein beeindruckendes Beispiel dafür, wie zwei große Greifvogelarten dank ihrer unterschiedlichen Strategien im gleichen Ökosystem nebeneinander existieren können.
Das Kloster Halepa liegt übrigens auf einem hohen Hügel, unweit der Dörfer Axos und Livada, eingebettet in eine Landschaft aus Olivenhainen, Weinbergen und vereinzelten Eichenwäldern. Ursprünglich bereits in der venezianischen Zeit erwähnt, zählt es zu den ältesten Klöstern der Region. Besonders ins Auge fällt die zweischiffige Basilika ohne Kuppel, die der Geburt Christi und der Verklärung geweiht ist. Nach schweren Zerstörungen während der osmanischen Herrschaft wurde das Kloster mehrfach wiederaufgebaut und war durch seine strategische Lage immer wieder Schauplatz von Kämpfen. Heute präsentiert sich Halepa als stiller, geschichtsträchtiger Ort mit weitem Blick über das Mylopotamos‑Tal – ein lohnender Abstecher für alle, die Kultur, Natur und Ruhe verbinden möchten.
Glühend heißer Sand und hohe Wellen
Was wäre ein Griechenland-Urlaub ohne Meer? Richtig, nichts! Deshalb haben wir trotz der Wahl unseres Feriendomizils in den Bergen, natürlich auch das Meer aufgesucht. In unseren vorhergegangenen Kreta-Reisen waren wir nie an der rauen und ursprünglichen Südküste (die kurze Fährfahrt ab Agia Roumeli nach unserer Samaria-Wanderung mal ausgenommen), weshalb wir uns dazu entschieden die Anfahrt von 2 Stunden und knapp 100km auf uns zu nehmen und an den Kommos Beach bzw. eher den Sarantari Beach zu fahren.
Der Kommos Beach unweit von Matala ist ein weitläufiger, goldfarbener Sandstrand am Rand der fruchtbaren Messara‑Ebene. Er zieht sich über mehrere Kilometer und wird von Dünen, Tamarisken und einer beeindruckenden Felskulisse geprägt. Gerade im südlichen Strandabschnitt, wo sich auch eine kleine Taverne und einige Einrichtungen wie Sonnenschirme und Duschen befinden, wirkt der Strand besonders idyllisch – hier treffen sanfter Wellengang, feiner Sand und klare Sicht aufs Meer zusammen. Kommos bleibt selbst in der Hochsaison angenehm weitläufig. Darüber hinaus ist der Strand ein wichtiger Nistplatz der Meeresschildkröte Caretta caretta, weshalb Teile des Areals geschützt und überwacht werden. Wer hier badet, kann nicht nur kristallklares Wasser und Wellen genießen, sondern spürt auch die besondere Verbindung von Natur, Geschichte und Ruhe, die diesen Strand so einzigartig macht.
Direkt beim Strand befindet sich die Ausgrabung von Kommos. Hier war einst der Hafen der minoischen Palaststadt Phaistos, sie spielte eine zentrale Rolle im Seehandel der Bronzezeit. Direkt hinter den Dünen wurden Überreste von Wohnhäusern der mittel- und spätminoischen Zeit, Lagergebäuden, Ölpressen, Werkstätten und sogar Schiffshallen entdeckt – ein seltener archäologischer Befund, der die maritime Bedeutung des Ortes eindrucksvoll belegt.
Nachdem hier im Süden Kretas – im südlichsten Teils Europas – selbst Anfang September das Thermometer noch an der 40°C Marke gekratzt hat und wir trotz LSF 50 Sonnencreme einem fetten Sonnenbrand nahe waren, fuhren wir nach ein paar Stunden Badespaß noch weiter ins nur wenige Kilometer südlich gelegene benachbarte Matala. Der berühmte Strand mit seinen höhlenartigen Sandsteinwänden, die einst von Hippies in den 1960er‑ und 70er‑Jahren bewohnt wurden, bildet heute die Kulisse für einen der entspanntesten Plätze der Insel. Super touristisch, aber auch sehr entspannt. Ein Spaziergang durch das Dorf lohnt sich!
Töpferkunst, von der Antike bis in die Gegenwart
Im malerischen Töpferdorf Margarites, eingebettet in die sanften Hügel Zentral-Kretas, den Ausläufern des Psiloritis-Massivs und unweit des Arkadi Klosters, scheint die Zeit ein wenig langsamer zu laufen. Zwischen den verwinkelten Gassen liegen kleine Werkstätten, in denen seit Generationen Ton geformt, gedreht und bemalt wird. Diese lebendige Handwerkskunst knüpft an eine Tradition an, die auf Kreta mehr als 4.000 Jahre zurückreicht: Schon die Minoer schufen kunstvolle Keramiken, oft verziert mit Meerestieren, Spiralen und Naturmotiven – Formen, die auch heute noch in den Arbeiten der Töpfer von Margarites nachhallen. Nur wenige Kilometer entfernt liegt Archea Eleftherna, eine archäologische Stätte, die eindrucksvoll zeigt, wie eng die Geschichte des Handwerks mit der Entwicklung der kretischen Kultur verwoben ist. Wer Margarites besucht, erlebt daher nicht nur ein ruhiges, authentisches Dorf, sondern eine Reise durch die lange Geschichte der kretischen Töpferei – von den minoischen Anfängen bis in die moderne Kunsthandwerkstradition.
Auch wenn Margarites über die Jahre touristisch immer stärker frequentiert wurde, so haben sich die Einwohner weiterhin auf ihre Kernkompetenz konzentriert: Das Töpfern. Verfallene Häuser wurden und werden liebevoll restauriert und wiederaufgebaut. Gleichzeitig bleibt der ursprüngliche Charme erhalten und man immer noch wundervolle Andenken einkaufen, die noch echte Handwerkskunst repräsentieren.
Nur wenige Minuten von Margarites entfernt liegt das Archäologische Museum von Eleftherna, ein kleines, aber außergewöhnlich sorgfältig gestaltetes Museum. In seiner modernen Architektur präsentiert es Funde aus fast vier Jahrtausenden – von den frühen minoischen Siedlungen bis in die griechisch‑römische Zeit. Besonders beeindruckend sind die filigranen Schmuckstücke, Keramiken und Grabbeigaben aus der Nekropole von Orthi Petra, die einen seltenen, fast intimen Blick auf das Alltagsleben und die Bestattungskultur der alten Kretaner ermöglichen. Trotz seiner überschaubaren Größe wirkt das Museum wie ein stiller Schatz: klar, informativ und gleichzeitig bewegend. Wer die Gegend besucht, sollte sich diesen Ort nicht entgehen lassen – er rundet die Reise in Kretas Vergangenheit perfekt ab und ist in keinster Weise überlaufen. Verschiedene Video-Installationen machen die Vergangenheit greifbar und ergänzen die Ausstellung der Fundstücke. die Das Fotografieren im Museum ist übrigens verboten und wird auch streng kontrolliert.
Greifvögel, drei Felsen und eine Altstadt
Vorbei am Arkadi Kloser fahren wir Richtung Amari-Tal. Wer im Amari‑Tal unterwegs ist, begegnet einer kretischen Welt, die zugleich wild und sanft wirkt – ein Ort, an dem sogar Schwarzmilane über den Hängen kreisen. Die weit verbreiteten Greifvögel bevorzugen offene Landschaften und gewässerreiche Regionen, in denen sie im eleganten Gleitflug nach Beute Ausschau halten. Wir finden einen ganzen Schwarm, der sicher auf einem größerem Baum niedergelassen und von wo aus immer wieder Individuen zu einem Rundflug starten. Mit etwas Glück lassen sich hier zu Zeiten der Vogelmigration im Frühjahr und Herbst sogar Adler sichten.

Am Rand dieses ruhigen Panoramas liegt Thronos, ein kleines Dorf auf 540 Metern Höhe, das mit seinem weiten Blick über das Amari‑Tal beeindruckt. Sein Name ist kein Zufall: Er geht auf den einstigen Bischofssitz des byzantinischen Sybrita zurück, den „Thron des Episkopats“, dessen große frühchristliche Basilika einst unterhalb des heutigen Dorfes stand. Heute erinnert die kleine Kirche Panagia im Ortskern, errichtet auf den Fundamenten dieser Basilika, an diese bedeutende Vergangenheit. Sehenswert sind die sehr gut erhaltenen Fresken aus dem 13. und 14. Jahrhundert.

Fährt man weiter Richtung Süden, wechselt das Panorama von Berglandschaft zu Küstenlinie – und man erreicht den Strand von Triopetra. Der weitläufige, fast menschenleere Küstenabschnitt gehört zu den eindrucksvollsten Orten Südkretas: drei markante Felsen, die wie Naturdenkmäler aus dem Libyschen Meer ragen, geben dem Strand seinen Namen. Das Wasser ist kristallklar, der Strand ruhig und ursprünglich – perfekt für alle, die Natur ohne Trubel genießen wollen. Die Kulisse aus Felsformationen und offenen Horizonten verleiht Triopetra eine besondere Atmosphäre. Aber Vorsicht: Der teils kräftige Wind peitscht das Meer zu meterhohen Wellen auf, das Baden ist nur guten Schwimmern empfohlen. Ebenso führt der starke Wind in Kombination mit den feinen Kieseln zu einem unfreiwilligen Peeling.

Wir fahren über Hauptverbindungsstraße zurück an die Nordküste und machen einen Abstecher in die lebendige Altstadt von Rethymnon – ein atmosphärischer Gegensatz zur stillen Natur des Südens. Die Altstadt zählt zu den besterhaltenen venezianischen Siedlungen Kretas und verbindet Renaissance‑Architektur mit osmanischen Einflüssen, die sich in engen Gassen, kunstvollen Fassaden und historischen Torbögen widerspiegeln. Rund um das venezianische Hafenbecken, vorbei an der Rimondi‑Quelle und der imposanten Fortezza, wird Rethymnons vielschichtige Geschichte auf Schritt und Tritt sichtbar – lebendig, farbenfroh und bis heute pulsierend.
So ergibt sich ein eindrucksvoller Bogen: vom gleitenden Schwarzmilan über den geschichtsträchtigen Hügeln von Thronos, über die kraftvolle Stille von Triopetra bis hinein in die charmante Vielfalt Rethymnons. Eine Reise durch Kreta, die Natur, Kultur und Geschichte mühelos miteinander verwebt. Geschafft von einem langen Tag mit vielen Eindrücken sind wir am Abend zurück im Enagron.

Kreta neu kennen und lieben gelernt
Neun Tage Kreta liegen hinter uns, in denen wir neue und für uns noch unbekannte Seiten Kretas entdecken durften. Trotz der Hauptreisezeit ging unser Plan auf: Menschenmassen entgehen und die Ursprünglichkeit Kretas finden. Das Enagron war und ist für uns der ideale Ausgangpunkt für eine solche Reise, auch wenn manche Tage sehr lange Autofahrten beinhalteten. Wer nicht nur die Berge, sondern auch das Meer genießen will, aber nicht bis in den Süden fahren will, der sucht sich einen Strand an der Nordküste. Hier ist man immerhin innerhalb von ca. 45 Minuten.
Was Entfernungen angeht, sollte man Kreta jedenfalls nicht unterschätzen. Die Insel ist nicht nur weitläufig, sondern auch extrem bergig. Das solle man in seiner Reiseplanung dringend berücksichtigen, v.a. und gerade, wenn man mit Kindern unterwegs ist.
Wir haben die Unaufgeregtheit, das Ambiente, die Umgebung und das liebenswerte und gastfreundliche Personal des Enagron so sehr schätzen gelernt, dass wir auch 2026 wiederkommen werden.
Als Reiseführer sei das Standard-Werk für Kreta empfohlen: Das Buch nimmt zwar mittlerweile Telefonbuch-Ausmaße an, ist aber nach wie vor das Non-Plus-Ultra, auch wenn ich mir persönlich mehr Details und Hintergründe zu entlegeneren Stellen Kretas wünschen würde: Kreta von Eberhard Fohrer aus dem Michael Müller Verlag.
Tiefergehende Literatur zu Flora und Faune Kretas ist leider rar und meistens auf Englisch. Vielleicht hat jemand einen Tipp? Gerne einen Kommentar da lassen!
Praktische Tipps & Informationen
Beste Reisezeit: Frühling, Sommer, Herbst. Im Frühling stehen viele seltene Pflanzen in voller Blüte und die Vogelwelt wird aktiv. Zugvögel sind auf dem Weg zurück nach Nordeuropa und machen Zwischenstation auf Kreta. Im Sommer lässt sich hier der Hitze entgehen und kann trotzdem Abstecher an das Meer machen. Im Herbst lassen wieder Zugvögel beobachten und die Landschaft lädt, wie im Frühling zu ausgedehnten Wanderungen ein.
Mietwagen: Ist Pflicht, wenn man die weitere Umgebung erkunden will. Manche Gäste des Enagron sind per Taxi angereist und sind in und um das Hotel geblieben. Aber für Ruhe und Entspannung hierher kommt, für den ist auch dies eine Option. Wir selbst wollten aber auch die weitere Umgebung erkunden, also haben wir uns für einen Mietwagen ab Flughafen Heraklion entschieden und direkt im Vorfeld bei Cretan Cars gebucht (Empfehlung!).

Kleidung und Ausrüstung: Abhängig davon, welche Aktivitäten man sich vornimmt, können auch Wanderschuhe ins Gepäck gehören. Badesachen sowieso. Eine leichte Jacke kann auch Sinn machen, wenn es im Frühjahr oder Herbst frischer wird, v.a. morgens und abends. Wer, wie ich, die Fotografie als Hobby hat, der sollte unbedingt ein Teleobjektiv mitbringen. Drohnen sind auf Kreta übrigens so eine Sache: Dafür wird eine explizite Genehmigung benötigt. Aufgrund der vielen Vögel um Axos würde ich aber davon abraten aus Respekt vor der Natur.
Einkaufen: Supermärkte gibt es in jedem größeren Dorf auf Kreta. Wir selbst haben uns immer in Anogia in Perama eingedeckt, wenn wir unterwegs waren, da diese beiden Ortschaften auf dem Weg lagen.
Respekt vor Natur und Bewohner: Respektiert die Natur und die Bewohner Kretas. Es ist ihr Lebensraum, in dem wir als Touristen nur Besucher sind. Geht mit gutem Beispiel voran und werft keinen Müll achtlos weg, auch wenn die Kreter dies selbst teilweise noch verinnerlichen müssen. Helft mit, diesen einmaligen Naturraum zu schützen und zu erhalten!
Highlight: Mein absolute Highlight war es, die Gäsegeier (aus nächster Nähe) kreisen zu sehen. Ein Tier, das bei uns in Deutschland leider bereits vor langer Zeit ausgerottet wurde. Der Gänsegeier hat neben dem Bartgeier auf Kreta einen Rückzugsort, der ein natürliches Vorkommen dieser majestätischen Vögel sichert. Besucher sollten sich darüber bewusst sein und zum Schutz beitragen!
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