Wer auf Kreta Vögel beobachten möchte, muss nicht zwangsläufig ein Feuchtgebiet aufsuchen oder stundenlang mit dem Fernglas an irgendeiner Felsküste sitzen – oder gar auf eine Wanderung durch eine Schlucht gehen, außer man sucht dort ganz explizit Gänsegeier. Manchmal reicht es aber eben auch, einfach loszulaufen.
Direkt unterhalb des Enagron Ecotourism Village bei Axos führen kleine Wege durch die Gärten und weiter hinunter in Richtung Geropotamos (der Fluss der das Tal bei Axos geformt hat und im Sommer in der Regel trocken liegt – oder zu einem reißenden Strom wird, wie das Unwetter Anfang Oktober 2026 eindrucksvoll gezeigt hat). Olivenbäume, Obstbäume, Platanen und Kermeseichen wechseln sich mit trockenen Wiesen, offenen Flächen und dichtem Gebüsch ab. Auf den ersten Blick eine ziemlich unscheinbare mediterrane Kulturlandschaft.
Gerade solche Landschaften wirken auf den ersten Blick wenig spannend, bieten bei genauerem Hinsehen aber einiges. Nicht nur fotografisch, sondern weil merkt, wie viel Leben sich auf solch vergleichsweise kleiner Fläche versteckt.
So wurde aus einem eigentlich unspektakulären Spaziergang eine erstaunlich ergiebige kleine Vogelrunde.

Durch die Gärten hinunter zum Geropotamos
Je weiter man sich vom Enagron entfernt, desto mehr verliert sich der Eindruck einer Gartenanlage. Alte Olivenbäume stehen zwischen trockenen, aber auch teil feuchten (bewässerten) Wiesen, dazwischen Büsche und einzelne größere Bäume. Weiter unten in Richtung Geropotamos wird die Vegetation dichter und grüner.
Hier lohnt es sich, langsam zu gehen, stehen zu bleiben und vor allem zuzuhören. Denn viele der Vögel sieht man zunächst überhaupt nicht.
Gerade die mediterranen Grasmücken können wenige Meter entfernt in einem Busch sitzen und trotzdem praktisch unsichtbar bleiben. Andere Arten machen es einem leichter und wählen einen exponierten Ast als Sitzwarte.
Auf meiner Runde konnte ich unter anderem Zaunammer, Samtkopfgrasmücke, Wendehals und vermutlich junge Neuntöter fotografieren. Einen Wiedehopf bekam ich ebenfalls zu sehen – allerdings nur kurz und ohne die Chance auf ein Foto.
Und nicht alles, was zwischen den Bäumen raschelt, trägt Federn. Auch eine auffällig grüne Eidechse ließ sich kurz blicken – wohl eine westliche Riesensmaragdeidechse.
Genau diese Mischung macht solche Orte für mich interessant.

Zaunammer – ein Vogel der vielfältigen Kulturlandschaft
Die Zaunammer (Emberiza cirlus) passt hervorragend in diese Landschaft.
Das Männchen ist mit seinen gelben und schwarzen Kopfzeichnungen eigentlich ziemlich auffällig. Zwischen Ästen, Blättern und dem harten mediterranen Licht kann man den kleinen Vogel trotzdem erstaunlich leicht übersehen.
Spannend ist vor allem, was die Zaunammer über ihren Lebensraum erzählt. Sie braucht keine vollkommen unberührte Wildnis. Besonders gut kommt sie mit einer kleinteiligen und extensiv genutzten Kulturlandschaft zurecht: offene Bodenstellen, Grasflächen, Gebüsche und einzelne Bäume.
Damit ist sie ein schönes Beispiel dafür, dass Kulturlandschaft und Natur keine Gegensätze sein müssen. Entscheidend ist vielmehr, wie intensiv eine Landschaft genutzt wird und wie viel Struktur man ihr lässt.
Ein Olivenhain mit nacktem Boden und praktisch keiner Begleitvegetation ist ökologisch etwas völlig anderes als ein alter Hain mit Gräsern, Kräutern, Insekten, Sträuchern und angrenzenden Brachen.
Erwachsene Zaunammern ernähren sich überwiegend von Samen. Während der Brutzeit gewinnen dagegen Insekten und andere Wirbellose an Bedeutung, insbesondere als proteinreiche Nahrung für die Jungvögel.
Was für uns wie ein ungepflegter Wegrand aussieht, kann für einen Vogel gleichzeitig Nahrungsquelle, Jagdgebiet und Rückzugsraum sein.

Samtkopfgrasmücke – meistens irgendwo im Gebüsch
Deutlich schwieriger zu fotografieren war die Samtkopfgrasmücke (Curruca melanocephala).
Wer im Mittelmeerraum schon einmal durch dichtes Gebüsch gelaufen ist, kennt vielleicht das Prinzip: Aus irgendeinem Strauch schimpft und rasselt es, nur der dazugehörige Vogel ist nicht zu sehen. Und sobald man ihn entdeckt hat, verschwindet er wieder.
Die Samtkopfgrasmücke wiegt gerade einmal rund 10 bis 15 Gramm. Beim Männchen bilden der dunkle Kopf, die helle Kehle und vor allem der kräftig rote Augenring eine markante Kombination. Im Gegensatz zu vielen anderen europäischen Grasmücken ist sie eng an den Mittelmeerraum gebunden und kein ausgeprägter Langstreckenzieher.
Ihre Nahrung besteht vor allem aus Insekten und anderen kleinen Wirbellosen, außerhalb der Brutzeit kommen Früchte hinzu. Vor allem aber ist sie hervorragend an dichte mediterrane Vegetation angepasst.
Für den Fotografen ist das weniger praktisch. Der Vogel sitzt vielleicht fünf Meter entfernt, während der Autofokus begeistert den Ast davor, das Blatt dahinter oder überhaupt irgendetwas anderes findet. Bis sich für wenige Sekunden doch eine Lücke auftut.

Neuntöter auf dem Weg nach Afrika
Zwischen den Bäumen entdeckte ich auch mehrere Würger. Bei der späteren Bestimmung machten sie es mir allerdings nicht ganz einfach. Selbst iNaturalist kam anhand meiner Fotos zu keinem wirklich eindeutigen Ergebnis.
Vor allem Jungvögel sehen deutlich anders aus als das typische männliche Neuntöter-Männchen (Lanius collurio) mit grauem Kopf, schwarzer Augenmaske und rotbraunem Rücken. Ihr Jugendkleid ist wesentlich unscheinbarer und fein dunkel gebändert. Genau diese Zeichnung lässt sich auf einigen meiner Aufnahmen erkennen.
Zusammen mit dem Beobachtungszeitpunkt Anfang September spricht einiges dafür, dass ich hier junge Neuntöter auf dem Durchzug fotografieren konnte. Eine hundertprozentig sichere Bestimmung möchte ich anhand meiner Bilder trotzdem nicht behaupten.
Eigentlich macht gerade das die Beobachtung noch interessanter. Neuntöter sind Langstreckenzieher. Nach der Brutzeit verlassen sie Europa und ziehen über den östlichen Mittelmeerraum und Afrika weit nach Süden. Kreta kann dabei eine Zwischenstation auf einer Reise über Tausende Kilometer sein.
Die Vogel vor meiner Kamera könnte also wenige Wochen zuvor irgendwo in Mittel- oder Osteuropa ausgeflogen sein und saßen nun in einem Baum oberhalb des Geropotamos. Seine Reise war dort noch lange nicht zu Ende.
Würger sind ohnehin ungewöhnliche Singvögel. Sie sitzen gerne auf erhöhten Warten und suchen von dort nach größeren Insekten und gelegentlich kleinen Wirbeltieren. Noch bemerkenswerter ist ihr Umgang mit größerer Beute: Weil ihnen die kräftigen Greiffüße eines Greifvogels fehlen, klemmen sie Beutetiere in Astgabeln oder spießen sie auf Dornen auf. So können sie die Beute leichter zerlegen und sogar Nahrungsvorräte anlegen.
Nicht umsonst kennt man Würger im Englischen auch als „butcher birds“ – Metzgervögel.


Wendehals – ein Specht, der nicht wie ein Specht aussieht
Mein persönliches Highlight der Runde war allerdings der Wendehals (Jynx torquilla).
Schon optisch ist er ein merkwürdiger Vogel. Sein grau-braunes, fein gemustertes Gefieder erinnert eher an Baumrinde als an einen typischen Specht. Sitzt er ruhig auf einem Ast, löst sich seine Kontur darin beinahe auf.
Taxonomisch gibt es dagegen keinen Zweifel: Der Wendehals gehört tatsächlich zur Familie der Spechte.
Nur hält er sich nicht besonders konsequent an das, was man von einem Specht erwartet. Er hämmert keine eigenen Bruthöhlen in Bäume, sondern nutzt vorhandene Höhlen. Und während Bunt- oder Grünspechte schon durch ihren kräftigen Körperbau sofort als Spechte zu erkennen sind, wirkt der Wendehals beinahe zierlich.
Seine eigentliche Spezialität sind Ameisen. Mit seiner langen klebrigen Zunge holt er Ameisen und deren Brut aus dem Boden. Für einen Specht verbringt er deshalb erstaunlich viel Zeit auf oder zumindest nahe dem Boden.
Und dann wäre da natürlich noch die Eigenschaft, der er seinen Namen verdankt. Wird ein Wendehals bedroht, zeigt er ein ausgesprochen ungewöhnliches Abwehrverhalten: Er streckt den Hals, bewegt Kopf und Hals schlangenartig hin und her und kann dabei zischende Laute von sich geben. Besonders häufig zeigen Jungvögel dieses Verhalten. Biologen bezeichnen es tatsächlich als Schlangenmimikry – der Vogel versucht also, gegenüber einem potenziellen Angreifer den Eindruck einer Schlange zu erwecken.
Ein kleiner, ameisenfressender Specht, der keine eigenen Baumhöhlen zimmert, wie Baumrinde aussieht und bei Gefahr eine Schlange imitiert. Viel spezieller kann ein Vogel eigentlich kaum werden.
Auch der Wendehals ist übrigens ein Zugvogel. Damit passte er Anfang September ziemlich gut zu meiner Beobachtung der Neuntöter: In einer Landschaft, die auf den ersten Blick kaum spektakulär wirkt, treffen lokale mediterrane Arten auf Vögel, die gerade zwischen Europa und Afrika unterwegs sind.

Und dann war da noch der Wiedehopf
Leider blieb es bei einer kurzen Begegnung. Zwischen den Bäumen tauchte ein Wiedehopf (Upupa epops) auf, verschwand aber wieder, bevor ich ihn fotografieren konnte. Schade – mit seiner Federhaube, dem langen gebogenen Schnabel und den schwarz-weißen Flügeln gehört er schließlich zu den unverwechselbarsten europäischen Vögeln.
Auch seine Nahrung sucht er häufig am Boden. Mit seinem langen Schnabel stochert er nach größeren Insekten und deren Larven. Offene, extensiv genutzte Flächen mit alten Bäumen passen deshalb auch zu seinen Ansprüchen ziemlich gut. Vielleicht bekomme ich beim nächsten Mal die Kamera rechtzeitig hoch.
Mehr als nur ein paar Olivenbäume
Neben all den Vögeln huschte schließlich noch eine kräftig grün gefärbte Eidechse durch die Vegetation. Für eine sichere Artbestimmung war die Begegnung zu kurz – und auch sie entzog sich erfolgreich meiner Kamera. Ich vermute aber, dass es sich um die auf Kreta heimische westliche Riesensmaragdeidechse handelte.
Aber genau solche Begegnungen sind für mich der eigentliche Reiz dieser Landschaft. Auf wenigen hundert Metern finden sich Olivenhaine, alte Bäume, trockene Wiesen, offene Bodenstellen, dichtes Gebüsch und schließlich die Vegetation entlang des Geropotamos. Jede dieser Strukturen bietet anderen Arten einen Lebensraum.
Die Zaunammer sucht zwischen offenen Flächen und Gehölzen nach Nahrung. Die Samtkopfgrasmücke verschwindet im Gebüsch. Neuntöter nutzen einzelne Äste als Jagdwarten. Der Wendehals sucht nach Ameisen und benötigt alte Bäume mit vorhandenen Höhlen. Der Wiedehopf stochert im offenen Boden nach Beute. Und irgendwo dazwischen sonnt sich eine Eidechse.
Keine spektakuläre Wildnis. Kein Nationalpark. Nicht einmal eine besonders lange Wanderung. Nur eine scheinbar unscheinbare, kleinteilige Landschaft unterhalb eines kleinen kretischen Bergdorfes.
Vielleicht ist genau das der Punkt: Biologische Vielfalt zeigt sich nicht nur dort, wo Landschaft möglichst spektakulär aussieht. Oft steckt sie in alten Olivenhainen, einem Gebüsch am Wegrand, einer nicht gemähten Wiese oder einem Baum, der einfach alt werden durfte.
Man muss sich nur die Zeit nehmen, genauer hinzusehen.

Habt ihr schon mal ähnliche Beobachtungen im Urlaub gemacht?
Welche Arten habt ihr schon in scheinbar unscheinbaren Landschaften auf euren Reisen entdeckt? Und falls ihr Anmerkungen oder Fragen zu meinen Beobachtungen und Bestimmungen habt, schreibt sie gerne in die Kommentare!
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