Seit einiger Zeit bin ich etwas dem „Birding“ verfallen – wie Vogelbeobachtung heute gerne genannt wird, vermutlich damit es etwas weniger nach Fernglas und beiger Outdoorweste klingt.

Was mich daran fasziniert, ist weniger das möglichst vollständige Abhaken einer Artenliste. Es ist vielmehr die Konzentration auf den Moment. Wenn irgendwo ein Vogel auftaucht, wird plötzlich alles andere unwichtig. Man beobachtet, wartet, hört hin und versucht zu verstehen, was man da eigentlich vor sich hat.

Irgendwann habe ich das Birding natürlich mit meiner zweiten Leidenschaft verbunden: der Fotografie. Aus Vogelbeobachtung wurde Wildlifefotografie. Und weil mich nicht nur Vögel, sondern genauso Pflanzen, Insekten, Pilze, Bäume und ganze Lebensräume interessieren, würde ich mich mittlerweile eher als Naturfotograf bezeichnen.

Eigentlich ist mir die Bezeichnung aber ziemlich egal. Im Mittelpunkt steht für mich etwas anderes: die Vielfalt unserer Natur zu erkunden, zu verstehen und am Ende vielleicht in einem guten Foto festzuhalten. Nicht einfach nur schnell ein Bild zu machen, sondern zu wissen, was man da Interessantes vor sich hat. Das gilt im ganz Kleinen, bei einer Libelle oder einer Pflanze, genauso wie bei großen Motiven wie Wäldern, Säugetieren – oder eben einem der größten Vögel Europas.

Gyps fulvus – der Gänsegeier

Wenn man an Geier denkt, entstehen bei vielen Menschen zunächst eher düstere Bilder: Aas, Tod und kahle Vögel, die auf ihre nächste Mahlzeit warten. Kreisende „Aas-Geier“ waren in alten Western der Filmindustrie klassische Boten des Unheils.

Wie so oft bei Vorurteilen lohnt sich aber auch beim Gänsegeier ein zweiter Blick. Denn hinter diesem Ruf verbirgt sich einer der beeindruckendsten und am stärksten spezialisierten Vögel Europas.

Der Gänsegeier (Gyps fulvus) gehört zu den größten Vögeln Europas. Mit einer Flügelspannweite von bis zu 2,70 Metern ist er ein wahrer Gigant der Lüfte. Seine breiten, tief gefingerten Flügel machen ihn zu einem perfekten Segelflieger. Hat er einmal eine geeignete Thermik gefunden, kann er sich nahezu mühelos in die Höhe tragen lassen und dabei weite Strecken zurücklegen.

Genau das macht die Beobachtung auf Kreta so faszinierend. Oft entdeckt man die Gänsegeier zunächst überhaupt nicht. Irgendwann fällt ein dunkler Punkt am Himmel auf, dann ein zweiter. Und plötzlich merkt man, dass über dem Tal ein halbes Dutzend dieser riesigen Vögel völlig lautlos seine Kreise zieht.

Dass sich Gänsegeier von Aas ernähren, klingt für uns zunächst wenig appetitlich. Ökologisch betrachtet erfüllen sie damit jedoch eine wichtige Funktion. Sie verwerten die Überreste größerer Tiere und führen deren Nährstoffe wieder in den natürlichen Kreislauf zurück. Was für uns nach Tod aussieht, ist für das Ökosystem ein wichtiger Teil des Lebens.

Der unbefiederte Kopf und der kräftige Schnabel sind perfekte Anpassungen an diese hochspezialisierte Lebensweise.

Gänsegeier sind außerdem ausgesprochen soziale Vögel. Sie brüten in Kolonien in steilen Felswänden, Höhlen und geschützten Nischen und legen bei der Nahrungssuche große Entfernungen zurück. Entdeckt ein Vogel einen Kadaver, können ihm weitere Artgenossen folgen.

Dass wir diese beeindruckenden Vögel heute noch in Europa beobachten können, ist allerdings keine Selbstverständlichkeit. Durch Verfolgung, Vergiftung und Veränderungen in der Landwirtschaft ist der Gänsegeier aus großen Teilen seines ursprünglichen europäischen Verbreitungsgebietes verschwunden. Heute liegen seine wichtigsten europäischen Vorkommen vor allem auf der Iberischen Halbinsel sowie in Teilen Südosteuropas. Schutzmaßnahmen und erfolgreiche Wiederansiedlungen zeigen jedoch, dass sich Bestände unter geeigneten Bedingungen wieder erholen können.

Einen Gänsegeier in freier Natur zu beobachten, ist deshalb mehr als nur die Begegnung mit einem großen Vogel. Man beobachtet einen perfekt an seine Umwelt angepassten Spezialisten – und gleichzeitig einen wichtigen Bestandteil eines funktionierenden Ökosystems.

Gänsegeier auf Kreta

In Deutschland ist der Gänsegeier heute kein regulärer Brutvogel mehr. Wer hierzulande einen Geier beobachten möchte, kann inzwischen mit etwas Glück wieder auf den Bartgeier (Gypaetus barbatus) treffen. Im Nationalpark Berchtesgaden laufen seit einigen Jahren erfolgreiche Wiederansiedlungsmaßnahmen.

Für Gänsegeier muss man dagegen weiter nach Süden reisen. Eine besonders gute Möglichkeit bietet Kreta.

In den Bergen der Insel, etwa im Psiloritis oder in den Lefka Ori, finden die Großvögel auch heute noch geeignete Lebensräume. Die steilen Felswände bieten Brutplätze, während die weitläufigen Berglandschaften ausreichend Raum für die Nahrungssuche liefern.

Und es gibt auf Kreta nur wenige Orte, an denen man Gänsegeier so unmittelbar in ihrem Lebensraum erleben kann wie in der Platania-Schlucht.

Die Platania Schlucht

Es gibt auf Kreta Wanderungen, bei denen die Landschaft das eigentliche Ziel ist. Und es gibt Wanderungen, bei denen man ständig nach oben schaut, weil über einem jederzeit ein Gänsegeier auftauchen könnte.

Die Platania-Schlucht gehört für mich eindeutig zur zweiten Kategorie.

Im Herzen Kretas, südlich des Psiloritis, liegt das weitläufige Amari-Tal – eine fruchtbare und vergleichsweise dünn besiedelte Region, die sich zwischen den Bergmassiven Zentralkretas erstreckt (zwischen Psiloritis und Kedros). Abseits der großen Touristenströme prägen Olivenhaine, Weinberge, kleine Dörfer und bewaldete Berghänge das Landschaftsbild. Das Tal ist bis heute stark von traditioneller Landwirtschaft und Viehzucht geprägt.

Am westlichen Rand des Amari-Tals, in den gebirgigen Ausläufern des Psiloritis, liegt die Platania-Schlucht. Zwischen steilen Felswänden, alten Olivenhainen, Kermeseichen und einer überraschend üppigen Vegetation führt ein Wanderweg durch die Schlucht bzw. eher hinauf entlang ihrer Hänge.

Die abgeschiedene Landschaft bietet einen reizvollen Kontrast zum trockenen Charakter vieler anderer Regionen Kretas. Gleichzeitig ist sie Lebensraum für zahlreiche Tiere – allen voran die Gänsegeier, die in den Felswänden der Schlucht brüten und regelmäßig über ihr kreisen.

Für Naturbeobachter ist die Platania-Schlucht deshalb ein besonderer Ort: Man wandert nicht einfach durch eine beeindruckende kretische Landschaft, sondern bewegt sich mitten durch den Lebensraum einer der faszinierendsten Vogelarten Europas.

Wanderung durch die Platania Schlucht

Die Wanderung beginnt im kleinen Bergdorf Platania auf etwa 400 Metern Höhe. Zunächst wirkt die Strecke noch erstaunlich unspektakulär. Der Weg führt durch einen alten Olivenhain. Knorrige, teilweise schon sehr alte Bäume begleiten den Anstieg, während der Weg langsam an Höhe gewinnt.

Nach und nach verändert sich die Landschaft. Der Olivenhain bleibt zurück, das Gelände wird offener und der Blick in das Tal wird immer weiter.

Der Anstieg ist für die relativ kurze Strecke durchaus fordernd. Auf den ersten 1,6 Kilometern werden etwa 360 Höhenmeter überwunden, bevor der Weg seinen höchsten Punkt auf ungefähr 765 Metern erreicht. Gerade im mittleren und oberen Abschnitt wird die Landschaft zunehmend felsiger und eindrucksvoller.

Mit jedem Höhenmeter öffnen sich neue Blicke auf die Schlucht und die umliegenden Berge. Gleichzeitig rückt man immer näher an die Felswände heran, in denen die Gänsegeier ihre Brutplätze haben.

Und genau hier wird die Wanderung zur besonderen Naturbeobachtung.

Die Vögel lassen sich nicht nur hoch über der Schlucht beim Kreisen beobachten. Mit etwas Glück sieht man sie auch direkt an ihren Felsnischen und Brutplätzen. Für jemanden, der mit Kamera und Fernglas unterwegs ist, ist das natürlich ein ziemlich guter Grund, etwas langsamer zu gehen.

An den Hängen oberhalb der Schlucht wird der Weg teilweise schmal und stark exponiert. Einige Passagen verlaufen unmittelbar am steilen Abhang und sind lediglich durch einfache Holzgeländer gesichert, die teilweise durchaus wackelig wirken. Trittsicherheit ist hier unbedingt erforderlich – und wer nicht ganz schwindelfrei ist, dürfte an manchen Stellen vermutlich lieber nicht allzu weit nach unten schauen.

Am Scheitelpunkt der Runde verändert sich der Charakter der Landschaft noch einmal. Der Weg führt über eine offene, weitgehend baumlose Fläche, die Anfang September vom Duft des wilden Thymians geprägt ist.

Nach dem felsigen und teilweise ausgesetzten Aufstieg wirkt diese offene Hochfläche beinahe wie ein kurzer Ruhepunkt. Danach führt die Route wieder talwärts in Richtung Platania.

Nicht unterschätzen

Ordentliche Wanderschuhe mit gutem Profil sind auf dieser Wanderung Pflicht.

Das musste ich leider selbst etwas schmerzhafter erfahren. Meine Tochter war auf dem losen Untergrund gestürzt. Beim Umdrehen, um nach ihr zu sehen, rutschte ich ebenfalls weg und knallte mit dem Oberschenkel auf einen Felsen.

Das Ergebnis: ein ordentlicher Bluterguss und eine geschrottete Rückseite meines iPhones, das ich zu diesem Zeitpunkt in der Hosentasche hatte.

Wir sind geübte Wanderer und auch unsere Kinder sind solche Wege gewohnt. Trotzdem würde ich die komplette Runde nicht pauschal als Familienwanderung empfehlen. Ein kurzer Spaziergang ist diese Wanderung bestimmt nicht.

Der felsige Weg ist teilweise rutschig, insbesondere der Abstieg führt über viele größere und kleinere Steine mit losem Untergrund. Dazu kommen die ausgesetzten Passagen im Aufstieg und im Sommer die gnadenlose kretische Sonne.

Zeit für die Natur

Uns hat die Wanderung trotzdem ausgesprochen gut gefallen – nicht zuletzt, weil wir Anfang September den Weg praktisch für uns allein hatten.

Vor uns war zwar noch ein Pärchen in die Schlucht gestartet, danach begegneten wir aber niemandem mehr, weder dem Paar, noch sonst jemanden.

Für die reine Gehzeit benötigten wir gut eine Stunde. Mit unseren zahlreichen Foto- und Beobachtungspausen waren wir allerdings rund vier Stunden unterwegs.

Und genau diese Pausen sind für mich ein wesentlicher Teil einer solchen Wanderung. Wer nur möglichst schnell von A nach B läuft, verpasst wahrscheinlich einen großen Teil dessen, was die Platania-Schlucht interessant macht.

Immer wieder hieß es stehen bleiben, nach oben schauen, das Fernglas nehmen oder die Kamera auspacken. Ein Gänsegeier am Himmel ist schließlich nicht nur irgendein Vogel, sondern ein 2,70 Meter großer Wildvogel, der wenige hundert Meter entfernt lautlos über einem kreist.

Fazit

Die Platania-Schlucht war für uns deshalb ein voller Erfolg.

Gänsegeier aus nächster Nähe, eine wilde und ursprüngliche Landschaft, grandiose Ausblicke – und Anfang September praktisch keine anderen Wanderer.

Gleichzeitig sollte man die Wanderung nicht unterschätzen. Der Anstieg ist kurz und stark, einige Passagen sind ausgesetzt und der lose, steinige Untergrund erfordert insbesondere beim Abstieg besondere Aufmerksamkeit. Dazu kommt im Sommer die gnadenlose Sonne. Ausreichend Wasser und vernünftige Wanderschuhe mit gutem Profil gehören deshalb unbedingt ins Gepäck.

Wer sich darauf einstellt, bekommt dafür eine Wanderung, die weit mehr bietet als einen schönen Aussichtspunkt. Man bewegt sich mitten durch den Lebensraum eines beeindruckenden Wildvogels.

Und wenn dann plötzlich ein Gänsegeier lautlos über der Schlucht auftaucht oder auf Augenhöhe in einer Nische auf dem gegenüberliegenden Felsen sitzt, weiß man ziemlich genau, warum sich der Aufstieg gelohnt hat.

Du hast Fragen zur Platania-Schlucht oder warst selbst auch schon dort? Ich freue mich über einen Kommentar!


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