Drei Tage im tschechischen Böhmerwald – Teil 2

Nachdem wir am ersten Tag unseres Kurzurlaubs im Nationalpark Šumava das Wolfsgehege bei Srní und die Hauswaldkapelle besucht hatten, stand am zweiten Tag eine etwas längere Wanderung auf dem Programm. Dieses Mal wollten wir das Tal der Vydra erkunden, das für seine wilde Flusslandschaft und die gewaltigen Felsblöcke im Flussbett bekannt ist.

Als Grundlage für unsere Wanderung diente uns die Tour 12 aus dem Rother-Wanderführer Böhmerwald von Gunnar Strunz. Die rund 13,4 Kilometer lange Rundwanderung beginnt und endet direkt am Hotel Srní, in dem wir während unseres Aufenthalts übernachteten. Für uns war das natürlich ideal, denn wir konnten direkt nach dem Frühstück loswandern, ohne zunächst mit dem Auto zu einem Ausgangspunkt fahren zu müssen.

Von Srní führt die Wanderung zunächst hinunter nach Čeňkova Pila (Vinzenzsäge), anschließend entlang der Vydra bis zur Klostermannbrücke und schließlich über die höher gelegenen Wälder und kleinen Siedlungen zurück nach Srní.

Besonders gespannt waren wir auf die Vydra selbst. Schon bei der Vorbereitung hatten mich die Bilder des felsigen Flussbetts neugierig gemacht. So viel vorweg: Unsere Erwartungen wurden definitiv erfüllt, die Flusslandschaft der Vydra ist wirklich besonders.

Nationalpark Šumava – unterwegs im Tal der Vydra

Die Vydra gehört zu den bekanntesten Flüssen des Nationalparks Šumava. Besonders der Abschnitt zwischen Antýgl und Čeňkova Pila ist für sein felsiges Flussbett, die zahlreichen Stromschnellen und die weitgehend naturnahe Uferlandschaft bekannt.

Anders als viele Flüsse, die man aus dem Bayerischen Wald kennt, vermittelt die Vydra stellenweise beinahe den Eindruck eines alpinen Wildbachs. Dabei liegt ihr Einzugsgebiet in einem Mittelgebirge, dessen höchste Erhebungen deutlich unter denen der Alpen bleiben.

Gerade das macht den Fluss so interessant. Auf relativ kurzer Strecke überwindet die Vydra einen beträchtlichen Höhenunterschied und hat sich dabei tief in die Landschaft eingeschnitten.

Von Modrava bis Čeňkova Pila – der Lauf der Vydra

Die Vydra entsteht bei Modrava aus dem Zusammenfluss des Modravský potok und des Roklanský potok. Zuvor nimmt der Modravský potok bereits das Wasser des Filipohuťský potok auf.

Von dort fließt sie rund zwölf Kilometer durch den Böhmerwal in Richtung Čeňkova Pila. Hier vereinigt sie sich schließlich mit der Křemelná zur Otava. Rechnet man den Hauptquellbach hinzu, beträgt die gesamte Fließstrecke etwa 23 Kilometer. Das Einzugsgebiet umfasst rund 146 Quadratkilometer.

Das Wasser der Vydra gelangt damit über die Otava, die Moldau und die Elbe letztlich bis in die Nordsee. Ein interessanter Gedanke, wenn man am Ufer steht und beobachtet, wie das Wasser zwischen den Felsen hindurchströmt.

Von Srní hinunter nach Čeňkova Pila

Unsere Wanderung begann direkt vor dem Hotel Srní. Wie am Vortag konnten wir auch dieses Mal einfach zu Fuß aufbrechen. Zunächst führte uns der Weg bergab in Richtung Čeňkova Pila, auf Deutsch Vinzenzsäge.

Dieser erste Abschnitt verläuft größtenteils entlang einer Straße. Zugegeben, nicht unbedingt das, was ich mir unter einer Wanderung durch einen Nationalpark vorstelle. Allerdings war an diesem Tag nur wenig Verkehr, sodass wir den Abstieg insgesamt als durchaus annehmbar, wenn auch nicht optimal empfanden. Man sollte aufmerksam bleiben, besonders in den unübersichtlichen Kurven ist Vorsicht geboten, denn nicht überall können Autofahrer entgegenkommende Wanderer frühzeitig erkennen.

Čeňkova Pila – von der Sägemühle zum Wasserkraftwerk

Der kleine Ort Čeňkova Pila liegt unmittelbar am Zusammenfluss von Vydra und Křemelná. Hier beginnt die Otava, die später bei Zvíkov in die Moldau mündet.

Der deutsche Name Vinzenzsäge erinnert an die frühere Nutzung des Ortes. Im 19. Jahrhundert ließ der Prager Holzhändler Čeněk Bubeníček hier eine wasserbetriebene Sägemühle errichten. Das Holz stammte aus den umliegenden Wäldern des Böhmerwalds.

1892 wurde die Sägemühle von der Stadt Kašperské Hory übernommen. Nachdem sie im Februar 1912 durch einen Brand zerstört worden war, entschied man sich, die vorhandene Wasserkraft zur Stromerzeugung zu nutzen. Noch im selben Jahr begannen die Bauarbeiten für ein Wasserkraftwerk.

Bemerkenswert ist, dass die historische Anlage bis heute Strom erzeugt und ihre ursprüngliche technische Ausstattung erhalten geblieben ist. Seit 1995 steht sie unter Denkmalschutz.

Bereits vor dem Bau der Sägemühle spielte der Ort eine wichtige Rolle beim Holztransport. Hier wurden Baumstämme gesammelt und zu Flößen verbunden, um sie anschließend über die Otava weiterzutransportieren. Eine Informationstafel vor Ort zeigt anschaulich, wie aufwendig diese Arbeit gewesen sein muss. Die längsten verwendeten Baumstämme erreichten demnach eine Länge von bis zu 28 Metern.

Die Vydra – ein wilder Fluss mitten im Böhmerwald

Bei Čeňkova Pila erreichten wir schließlich die Vydra. Wir halten uns kurz in der Nähe des Kiosk direkt am Fluss auf und genießen den ersten Eindruck des wilden Flusses, bevor wir die Straße überqueren und dem Wanderweg flussaufwärts folgen.

Schon nach kurzer Zeit wurde deutlich, weshalb dieses Tal zu den landschaftlichen Höhepunkten des Nationalparks zählt. Der Fluss präsentierte sich bei angenehm sonnigem Wetter von seiner lebhaften Seite. Zwar führte die Vydra nicht die Wassermengen, die nach der Schneeschmelze oder längeren Starkregenfällen zu erwarten sind, dennoch strömte das Wasser mit beachtlicher Geschwindigkeit zwischen den gewaltigen Felsblöcken hindurch. Dabei verändert sich das Erscheinungsbild des Flusses ständig.

Mal zwängt sich das Wasser durch enge Passagen zwischen den Steinen, mal verteilt es sich über breitere Abschnitte des Flussbetts. Kleine Stromschnellen wechseln sich mit ruhigeren Bereichen ab, in denen sich die umliegenden Bäume im Wasser spiegeln.

Immer wieder bleiben wir stehen, um die Landschaft zu genießen oder zu fotografieren. Besonders beeindruckend sind die riesigen Felsblöcke, die teilweise mitten im Fluss liegen. Zusammen mit den mächtigen Fichten entlang der Ufer verleihen sie dem Tal einen ausgesprochen ursprünglichen Charakter.

Obwohl uns immer wieder kleinere und größere Wandergruppen begegneten, empfanden wir es insgesamt als angenehm ruhig. Dazwischen gab es längere Abschnitte, auf denen wir die Landschaft nahezu für uns hatten.

Wie entstand das wilde Vydra-Tal?

Eine der auffälligsten Besonderheiten der Vydra sind die riesigen Gesteinsblöcke, zwischen denen sich das Wasser seinen Weg sucht. Wer zum ersten Mal durch das Tal wandert, könnte beinahe meinen, hier hätten irgendwann gewaltige Kräfte wahllos Felsen in den Fluss geworfen.

Tatsächlich ist diese Landschaft das Ergebnis geologischer Prozesse, die sich über viele Millionen Jahre erstrecken. Der Böhmerwald gehört geologisch zum Böhmischen Massiv, einem sehr alten Gebirgskomplex, dessen Gesteine teilweise mehrere Hundert Millionen Jahre alt sind. Die Entstehung des heutigen Vydra-Tals begann allerdings wesentlich später.

Von der Gebirgshebung zum tief eingeschnittenen Flusstal

Im Zuge der tertiären Gebirgsbildungsprozesse, die auch mit der Entstehung der Alpen zusammenhängen, wurde das Gebiet des Böhmerwalds tektonisch angehoben. Dadurch verstärkte sich das Gefälle der Flüsse, die sich zunehmend tiefer in das Gestein einschneiden konnten.

Auch das Gewässernetz veränderte sich. Durch die fortschreitende Erosion konnte die Vydra ältere Wasserläufe anzapfen und deren Wasser in ihr eigenes Einzugsgebiet umleiten. Über lange Zeiträume entstand so das tief eingeschnittene, canyonartige Flusstal, das wir heute durchwandern können.

Besonders eindrucksvoll sind die steilen Felswände entlang der Vydra. Einige dieser Granitformationen werden als Hrádky bezeichnet. Der historische deutsche Name lautet Schlössel. Die Felswände erreichen stellenweise eine Höhe von bis zu 40 Metern. Der felsige Höhenrücken erhebt sich an seiner höchsten Stelle sogar rund 130 Meter über den Fluss.

Woher kommen die gewaltigen Felsblöcke?

Ihre heutige Gestalt verdanken die Felsformationen vor allem lang andauernden Verwitterungsprozessen. Besonders während der Eiszeiten spielte die sogenannte Frostsprengung eine wichtige Rolle. Wasser drang in die Risse und Klüfte der Felsen ein und gefror dort. Da Eis ein größeres Volumen besitzt als flüssiges Wasser, übte es Druck auf das umgebende Gestein aus. Durch wiederholtes Gefrieren und Auftauen konnten sich die Klüfte allmählich erweitern, bis sich schließlich größere Gesteinsblöcke lösten. Diese sammelten sich an den Talhängen und bildeten stellenweise ausgedehnte Blockmeere.

Während der Kaltzeiten konnten sich solche Gesteinsmassen außerdem durch langsame Hangbewegungen verlagern. Ein wichtiger Prozess war dabei die sogenannte Solifluktion, bei der wassergesättigtes Bodenmaterial über einem gefrorenen Untergrund langsam hangabwärts fließt.

Die Vydra selbst transportiert vor allem kleineres Gesteinsmaterial weiter. Die größten Blöcke bleiben dagegen häufig liegen und werden vom Wasser umströmt. So entstand die charakteristische Flusslandschaft mit ihren zahlreichen Stromschnellen, Strudeln und kleinen Wasserfällen.

Interessant ist dabei, dass nicht alle Felsblöcke vom Fluss selbst transportiert wurden. Viele stammen unmittelbar aus den umliegenden Talhängen.

Riesentöpfe – wenn Wasser den Fels aushöhlt

Neben den großen Felsblöcken gehören die sogenannten Riesentöpfe zu den geologischen Besonderheiten der Vydra. Dabei handelt es sich um rundliche Vertiefungen im Gestein, die durch die mechanische Wirkung von Wasser entstehen.

Geraten Sand, Kies oder kleinere Steine in einen Wasserwirbel, können sie über lange Zeiträume immer wieder gegen den Untergrund bewegt werden. Das mitgeführte Material wirkt dabei wie ein Schleifmittel. Aus einer kleinen Vertiefung kann so allmählich ein größerer, teilweise nahezu kreisrunder Hohlraum entstehen.

Solche Strudeltöpfe sind ein schönes Beispiel dafür, wie selbst hartes Gestein durch die ständige Wirkung fließenden Wassers verändert wird.

Die Vydra verändert ihr Tal noch heute

Dass die geologische Entwicklung des Vydra-Tals keineswegs abgeschlossen ist, zeigt eine interessante Stelle entlang unseres Wanderwegs. Dort führt der Weg unmittelbar unterhalb einer Felswand entlang, die teilweise aus Leptynit besteht, einem metamorphen Gestein. Die Strömung der Vydra richtet sich an dieser Stelle gegen das Ufer und trägt bei Hochwasser immer wieder Material ab.

Während der Fluss an manchen Stellen sein Bett weiter vertieft, werden an anderen Abschnitten die Ufer abgetragen oder mitgeführte Sedimente abgelagert. Eine Informationstafel erklärt, dass die Vydra den heutigen Wanderweg ohne dessen Befestigung und regelmäßige Instandhaltung längst abgetragen hätte.

Das fand ich bemerkenswert. Schließlich nimmt man eine solche Landschaft während einer Wanderung häufig als etwas Beständiges wahr. Tatsächlich verändert sich das Tal aber auch heute noch, wenn auch in einem Tempo, das wir bei einem einzelnen Besuch kaum wahrnehmen können.

Welche Rolle spielen die Moore des Böhmerwalds?

Eine Besonderheit der Šumava sind die zahlreichen Hoch- und Übergangsmoore, die sich unter den kühlen und niederschlagsreichen Bedingungen über Jahrtausende entwickeln konnten. Moore bestehen zu einem großen Teil aus Torf, also nur unvollständig zersetztem Pflanzenmaterial. Ein intakter Torfkörper enthält erhebliche Mengen Wasser und beeinflusst dadurch den Wasserhaushalt seiner Umgebung.

Häufig werden Moore als natürliche Schwämme bezeichnet, die Niederschläge aufnehmen und langsam wieder abgeben. Ganz so einfach ist es allerdings nicht. Wie viel Wasser ein Moor tatsächlich zurückhält, hängt unter anderem vom Wasserstand, dem Zustand des Torfkörpers und der Art des Niederschlags ab.

Unbestritten ist aber, dass intakte Moore wichtige Funktionen für den Landschaftswasserhaushalt erfüllen. Werden sie entwässert, verändern sich die natürlichen Abflussverhältnisse. Deshalb gehört die Wiedervernässung geschädigter Moorflächen zu den wichtigen Naturschutzmaßnahmen im Nationalpark Šumava. Gerade im Zusammenhang mit dem Klimawandel gewinnen solche Maßnahmen zusätzlich an Bedeutung, immerhin sind Moore hervorragende CO2-Speicher.

Zwischen mächtigen Fichten und rauschendem Wasser

Bei aller Faszination für die geologischen Besonderheiten war es nicht allein der Fluss, der mich beeindruckte. Auch die Wälder entlang der Vydra besitzen einen besonderen Charakter. Vor allem die großen Fichten, die stellenweise unmittelbar am Wasser stehen, blieben mir in Erinnerung. Ihre Stämme ragen zwischen den Felsen empor, während sich ihre Wurzeln im steinigen Untergrund verankern.

An manchen Stellen wirkt der Wald dicht und schattig, an anderen öffnet sich der Blick auf den Fluss und die gegenüberliegenden Hänge. Dazwischen liegen immer wieder moosbewachsene Felsen und kleinere Seitenbäche. Das ständige Rauschen der Vydra begleitet einen dabei nahezu ununterbrochen.

Reliktkiefern und besondere Lebensräume

Neben den mächtigen Fichten wachsen auf den felsigen Hängen stellenweise auch bemerkenswerte Waldkiefern. Einige dieser sogenannten Reliktkiefern haben sich auf extrem nährstoffarmen und trockenen Standorten behauptet. Sie wachsen häufig nur langsam und entwickeln durch die schwierigen Bedingungen ungewöhnliche, knorrige Formen.

Auf den Felsen ist der Boden oft nur wenige Zentimeter dick. Wasser kann kaum gespeichert werden, und die Bäume sind starken Temperaturschwankungen ausgesetzt. Die Felslandschaft ist damit nicht nur aus geologischer Sicht interessant. Sie schafft auch Lebensräume für spezialisierte Tier- und Pflanzenarten.

Auf den sonnenbeschienenen Gesteinsflächen wachsen vor allem Flechten, während die kühlen und feuchten Hohlräume zwischen den Steinen zahlreichen kleinen Tieren geeignete Lebensbedingungen bieten. Einige dieser Arten gelten als Relikte früherer Kaltzeiten.

Die Informationstafeln entlang des Wanderwegs erwähnen in diesem Zusammenhang auch den Luchs, der seit den 1980er-Jahren wieder in der Šumava heimisch ist. Die felsigen und schwer zugänglichen Bereiche bieten ihm geeignete Rückzugsräume.

Ein ungewöhnliches Hörerlebnis am Wegesrand

Eine kleine Besonderheit entdeckten wir an einem unscheinbaren Seitenbach. Dort war eine Art Hörtrichter installiert, mit dem sich das leise Plätschern des Wassers verstärkt wahrnehmen ließ. Das war ein überraschender Kontrast zur Vydra.

Während uns das kräftige Rauschen des Flusses fast während der gesamten Wanderung begleitete, stand hier plötzlich das wesentlich feinere Geräusch eines kleinen Wasserlaufs im Mittelpunkt.

Man musste sich bewusst darauf konzentrieren und genauer hinhören. Eigentlich eine einfache Idee, die aber gut zeigt, wie unterschiedlich wir unsere Umgebung wahrnehmen können.

Solche kleinen Einrichtungen gefallen mir besonders, weil sie nicht versuchen, die Natur durch möglichst spektakuläre Attraktionen zu ergänzen. Stattdessen lenken sie die Aufmerksamkeit auf etwas, das ohnehin vorhanden ist und dem man sonst vielleicht kaum Beachtung schenken würde.

Hörtrichter am Wegesrand: Ein kleiner Bach wird zum Hörerlebnis im Kontrast zur lauten Vydra
Hörtrichter am Wegesrand

Wie das Vydra-Tal für Wanderer erschlossen wurde

Heute lässt sich das Vydra-Tal auf einem gut ausgebauten Wanderweg erkunden. Das war allerdings nicht immer so. Noch im 19. Jahrhundert galt das felsige Tal als schwer zugänglich. Die umliegenden Siedlungen lagen deshalb überwiegend auf den höher gelegenen Flächen, während das eigentliche Flusstal weitgehend unerschlossen blieb.

Erst die zunehmende wirtschaftliche Nutzung der Wälder führte dazu, dass Wege und Straßen angelegt wurden. Bereits in den 1860er-Jahren begannen Arbeiten an einer Verbindung durch das Tal. Die heutige Trasse entlang der Vydra wurde 1888 als Transportweg für die Forstwirtschaft erschlossen. Dabei mussten die Arbeiter teilweise hartes Granitgestein sprengen, um überhaupt Platz für die Straße zu schaffen.

Der Schriftsteller Karel Klostermann beschrieb später, wie die Sprengungen durch das Tal hallten und die bis dahin abgeschiedene Landschaft zunehmend für Menschen zugänglich wurde.

Ursprünglich diente die Straße vor allem dem Abtransport von Holz. Mit der besseren Erreichbarkeit entdeckten aber auch immer mehr Wanderer die landschaftlichen Reize des Tals. Was heute ein beliebter Wanderweg ist, entstand somit zunächst aus wirtschaftlichen Gründen.

Eine interessante Parallele zum Vchynice-Tetov-Schwemmkanal, den wir bereits am Vortag bei unserer Wanderung zur Hauswaldkapelle kennengelernt hatten. Auch dort hatte die intensive Holznutzung die Landschaft und ihre Erschließung maßgeblich geprägt.

Die Turnerova chata – Einkehr direkt an der Vydra

Ungefähr auf halber Strecke durch das Tal erreichten wir die Turnerova chata, die früher auch als Thurnerhütte bekannt war. Das traditionelle Holzgebäude steht unmittelbar an der Vydra und fügt sich mit seiner typischen Böhmerwaldarchitektur gut in die Landschaft ein. Wir nutzten die Gelegenheit für eine Rast und stärkten uns mit etwas zu essen und zu trinken.

Für uns war die Hütte eine ideale Einkehrmöglichkeit während der Wanderung. Nach den bisherigen Kilometern tat die Pause gut, und die Lage unmittelbar am Fluss macht den Zwischenstopp besonders reizvoll. Wer durch das Vydra-Tal wandert, dem würde ich eine Einkehr hier durchaus empfehlen.

Eine Wanderhütte mit langer Geschichte

Die Turnerova chata besitzt eine längere Geschichte, als man auf den ersten Blick vermuten könnte. Bereits im 19. Jahrhundert stand an dieser Stelle eine einfache Blockhütte, die zunächst als Unterkunft für Arbeiter diente, die mit dem Bau der Straße durch das Vydra-Tal beschäftigt waren.

Der Name der Hütte geht vermutlich auf den Straßenbaumeister Thurner zurück, der am Bau der Verbindung beteiligt war. Schon damals nutzten erste Wanderer den Platz für eine Rast. 1908 ließ die Stadt Kašperské Hory, auf Deutsch Bergreichenstein, hier eine Gastwirtschaft errichten.

Mit dem zunehmenden Tourismus entwickelte sich die Hütte zu einem beliebten Ausflugsziel. 1932 wurde das Gebäude durch einen Brand zerstört. Der Wiederaufbau erfolgte Ende der 1930er-Jahre. Das heutige Gebäude stammt damit im Wesentlichen aus der Zeit unmittelbar vor dem Zweiten Weltkrieg.

Die Geschichte der Turnerova chata zeigt sehr anschaulich, wie sich das Vydra-Tal innerhalb weniger Jahrzehnte von einem schwer zugänglichen Waldgebiet zu einem beliebten Wanderziel entwickelte.

Die Klostermannbrücke – auf den Spuren eines Böhmerwaldschriftstellers

Nach unserer Einkehr setzten wir die Wanderung entlang der Vydra fort. Schließlich erreichten wir die Klostermannbrücke, die den Wanderern einen Übergang über den Fluss ermöglicht. Von der Brücke bietet sich noch einmal eine schöne Perspektive auf das felsige Flussbett. Besonders eindrucksvoll ist dabei, wie sich das Wasser zwischen den großen Gesteinsblöcken seinen Weg bahnt.

Die Brücke trägt den Namen des Schriftstellers Karel Klostermann, dem wir bereits bei unseren Erkundungen rund um Srní begegnet waren. Klostermann wurde 1848 geboren und gilt als einer der bedeutendsten literarischen Chronisten des Böhmerwalds. In seinen Romanen und Erzählungen beschäftigte er sich intensiv mit dem Leben der Menschen in dieser Region, der Forstwirtschaft und den Veränderungen der Landschaft.

Seine Werke vermitteln ein Bild des Böhmerwalds in einer Zeit, in der große Teile der Region noch wesentlich abgeschiedener waren als heute. Besonders interessant finde ich, dass Klostermann nicht nur die Natur beschrieb, sondern auch die tiefgreifenden Veränderungen, die durch die wirtschaftliche Erschließung der Wälder entstanden.

Dass eine Brücke inmitten dieser Landschaft seinen Namen trägt, passt deshalb ausgesprochen gut.

Zurück nach Srní – eine andere Seite des Böhmerwalds

Nach der Klostermannbrücke verließen wir das Tal der Vydra und machten uns an den Aufstieg zurück nach Srní. Der Weg führte uns auf der gegenüberliegenden Flussseite zunächst recht steil bergauf durch ein Waldstück. Damit änderte sich der Charakter unserer Wanderung noch einmal deutlich.

Das ständige Rauschen der Vydra blieb langsam hinter uns zurück. Statt der felsigen Flusslandschaft erwartete uns nun eine abwechslungsreiche Mischung aus Wäldern, kleinen Wiesen und Feldern.

Vereinzelt standen Häuser und kleine Siedlungen am Wegesrand. Während wir im Vydra-Tal immer wieder anderen Wanderern begegnet waren, trafen wir hier oben auf keinen einzigen Menschen mehr. Die Landschaft wirkte abgeschieden, aber keineswegs eintönig. Im Gegenteil: Gerade dieser Wechsel machte für mich einen zusätzlichen Reiz der Rundwanderung aus. Nach dem lebhaften Flusstal empfanden wir die Ruhe der höher gelegenen Landschaft als ausgesprochen angenehm.

Wenn der Frühling im Böhmerwald später beginnt

Eine kleine Beobachtung blieb mir auf dem Rückweg besonders in Erinnerung. Ende Mai entdeckten wir einen Apfelbaum, der gerade erst blühte. Bei uns in Passau ist die Apfelblüte zu dieser Jahreszeit normalerweise längst vorbei. Eigentlich nichts Spektakuläres, aber ein schönes Beispiel dafür, wie deutlich sich das Klima des höher gelegenen Böhmerwalds von dem unserer Heimat unterscheidet.

Mit zunehmender Höhenlage sinkt im Allgemeinen die Lufttemperatur. Als grobe Faustregel gelten etwa 0,6 °C pro 100 Höhenmeter, wobei die tatsächlichen Unterschiede natürlich von vielen weiteren Faktoren abhängen. In den höheren Lagen der Šumava sind die Winter entsprechend länger und die Vegetationsperioden kürzer.

Die Schneedecke kann sich länger halten, und auch die Pflanzen beginnen später mit ihrer Entwicklung. Besonders gut lässt sich das an der Blüte von Obstbäumen beobachten, die stark vom Temperaturverlauf im Frühjahr abhängt. Während in Passau Ende Mai bereits vieles auf den Sommer zusteuert, kann der Frühling im Böhmerwald noch in vollem Gange sein.

Der blühende Apfelbaum passte jedenfalls gut zu unserem Eindruck dieser Landschaft. Man merkt hier oben durchaus, dass die Winter lang und kalt sein können und der Frühling manchmal etwas mehr Zeit benötigt.

Informationen zur Wanderung durch das Vydra-Tal

Wanderung durch das Vydra-Tal
Wanderung durch das Vydra-Tal

Unsere Wanderung orientierte sich an der Tour 12 aus dem Rother-Wanderführer Böhmerwald von Gunnar Strunz.

TourdatenAngaben
AusgangspunktHotel Srní, Nationalpark Šumava
Streckenlängeca. 13,4 km
Höhenmeterca. 350 m Aufstieg
Dauerca. 5 Stunden inklusive Pausen
SchwierigkeitMittel
CharakterRundwanderung
EinkehrmöglichkeitTurnerova chata

Link zu meiner Komoot-Tour | GPX-Datei herunterladen

Die Tour beginnt und endet direkt am Hotel Srní. Damit eignet sich das Hotel hervorragend als Ausgangspunkt für diese Rundwanderung. Gerade nach einer längeren Tour ist es angenehm, direkt zur Unterkunft zurückkehren zu können, ohne noch eine Autofahrt vor sich zu haben.

Zu beachten ist allerdings, dass der erste Abschnitt nach Čeňkova Pila überwiegend entlang einer Straße verläuft. Auch der teilweise steile Aufstieg nach der Klostermannbrücke sollte bei der Tourenplanung berücksichtigt werden.

Mein Fazit zur Wanderung durch das Vydra-Tal

Die Wanderung durch das Vydra-Tal gehörte für mich zu den eindrucksvollsten Erlebnissen unseres Kurzurlaubs im Nationalpark Šumava.

Zwar ist der erste Abschnitt entlang der Straße nach Čeňkova Pila sicherlich nicht der attraktivste Teil der Tour. Durch den geringen Verkehr war er für uns aber gut machbar. Trotzdem sollte man insbesondere in den unübersichtlichen Kurven aufmerksam bleiben. Dafür entschädigt das anschließende Flusstal umso mehr.

Die gewaltigen Felsblöcke, die vom Wasser ausgewaschenen Riesentöpfe, die mächtigen Fichten entlang der Ufer und vor allem die ständig wechselnde Flusslandschaft machen die Wanderung zu einem besonderen Naturerlebnis. Auch die Einkehr in der Turnerova chata hat sich für uns gelohnt.

Was mir an dieser Rundwanderung besonders gefallen hat, war allerdings nicht nur die Vydra selbst. Der Rückweg über die höher gelegenen Wälder, Wiesen und kleinen Siedlungen zeigte uns noch einmal eine ganz andere Seite des Böhmerwalds. Dort waren wir schließlich völlig allein unterwegs und konnten die Landschaft in aller Ruhe genießen.

Gerade diese Abwechslung macht für mich den Reiz der Tour aus. Wer sich für Geologie interessiert, gerne entlang wilder Flüsse wandert oder einfach die abwechslungsreiche Natur der Šumava kennenlernen möchte, dem kann ich diese Wanderung durchaus empfehlen.

Und für uns war es noch einmal eine Bestätigung, dass es sich lohnt, den Böhmerwald auch jenseits der deutsch-tschechischen Grenze zu erkunden.

Drei Tage im Nationalpark Šumava – wie es weitergeht

Am nächsten Tag stand bereits unsere letzte Wanderung im Nationalpark Šumava auf dem Programm. Dieses Mal wollten wir die Vydra weiter flussaufwärts erkunden und von Antýgl in Richtung Modrava wandern.

Dabei erwartete uns noch einmal eine völlig andere Wanderung: mit teilweise felsigen Wegen unmittelbar am Fluss, dem historischen Vchynice-Tetov-Schwemmkanal und den weitläufigen Wiesenlandschaften rund um die ehemaligen Siedlungen Chinitz und Tettau.

Diese letzte Tour sollte uns von allen drei Wanderungen sogar am besten gefallen.

Im dritten Teil Wandern im Nationalpark Šumava – von Antýgl nach Modrava berichte ich von unserem letzten Wandertag und ziehe außerdem ein Fazit zu unserem Aufenthalt im Hotel Srní, das uns während unseres Kurzurlaubs als Ausgangspunkt diente.

Drei Tage im Nationalpark Šumava – alle Teile unserer Reise

Teil 1: Wandern im Nationalpark Šumava – Wölfe und die Hauswaldkapelle bei Srní

Teil 2: Wandern im Nationalpark Šumava – durch das wilde Vydra-Tal (dieser Artikel)

Teil 3: Wandern im Nationalpark Šumava – von Antýgl nach Modrava


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