Drei Tage im tschechischen Böhmerwald – Teil 1

Ende Mai 2026 verbrachten wir drei Tage im Nationalpark Šumava, dem tschechischen Teil des Böhmerwalds. Obwohl Tschechien für uns praktisch vor der Haustür liegt, hatten wir uns bislang erstaunlich wenig mit der Region jenseits der Grenze beschäftigt. Das wollten wir ändern.

Besonders interessant war für uns der Nationalpark Šumava, der gemeinsam mit dem angrenzenden Nationalpark Bayerischer Wald eines der größten zusammenhängenden Waldschutzgebiete Mitteleuropas bildet. Wer meinen Blog schon länger verfolgt, weiß, dass ich mich für ursprüngliche Naturlandschaften begeistere und es mir wichtig ist, Nationalparks und den Schutz natürlicher Lebensräume zu unterstützen.

Gleichzeitig interessierte uns die bewegte Geschichte der Region. Schließlich war der Böhmerwald über Jahrhunderte Heimat einer überwiegend deutschsprachigen Bevölkerung. Zahlreiche Ortsnamen, historische Gebäude und Überreste längst verschwundener Siedlungen erinnern noch heute an diese Vergangenheit.

Als Ausgangspunkt für unseren dreitägigen Kurzurlaub entschieden wir uns für das kleine Dorf Srní, auf Deutsch Rehberg, mitten im Nationalpark. Für die beiden Übernachtungen hatten wir uns im Hotel Srní einquartiert, das sich als idealer Ausgangspunkt für unsere Wanderungen erwies. Von dort konnten wir nicht nur die umliegenden Wälder erkunden, sondern auch einige unserer Wanderungen direkt zu Fuß starten. Besonders gespannt waren wir auf die Flusslandschaft der Vydra, die wir an den folgenden Tagen kennenlernen wollten.

Bereits unser erster Tag sollte zeigen, dass der tschechische Böhmerwald einiges zu bieten hat. Neben einer Wanderung zum Wolfsgehege bei Srní stand am späten Nachmittag noch ein Besuch der historischen Hauswaldkapelle auf unserem Programm.

Nationalpark Šumava – die wilde Seite des Böhmerwalds

Der Nationalpark Šumava wurde 1991 gegründet und ist der größte Nationalpark Tschechiens. Zusammen mit dem bereits 1970 gegründeten Nationalpark Bayerischer Wald bildet er ein grenzüberschreitendes Schutzgebiet von rund 930 Quadratkilometern.

Die beiden Nationalparks schützen eine einzigartige Mittelgebirgslandschaft mit ausgedehnten Wäldern, Mooren, Hochlagen und weitgehend naturnahen Fließgewässern. Besonders bemerkenswert ist, dass sich hier auf großen Flächen natürliche Prozesse wieder weitgehend ohne menschliche Eingriffe entwickeln können.

Für mich ist genau das der eigentliche Sinn eines Nationalparks: Natur nicht ständig nach menschlichen Vorstellungen gestalten zu müssen, sondern ihr wieder Raum für ihre eigene Entwicklung zu geben.

Bayerischer Wald oder Böhmerwald – eigentlich ein und dasselbe?

Was viele nicht wissen: Die Unterscheidung zwischen Bayerischem Wald und Böhmerwald ist historisch betrachtet noch gar nicht so alt.

Über lange Zeit wurde das Waldgebirge beiderseits der heutigen deutsch-tschechischen Grenze als Böhmerwald bezeichnet. Der Begriff lässt sich bereits im Jahr 905 in der lateinischen Form silva Boemica nachweisen und ist damit mehr als 1.100 Jahre alt. Allerdings waren die geografischen Abgrenzungen damals nicht immer einheitlich.

Die Bezeichnung Bayerischer Wald setzte sich dagegen erst im 19. Jahrhundert zunehmend durch. Neben dem wachsenden bayerischen Regionalbewusstsein spielte dabei auch der aufkommende Tourismus eine Rolle.

Besonders interessant finde ich, dass die begriffliche Trennung 1950 im Rahmen der naturräumlichen Gliederung Deutschlands sogar offiziell festgelegt wurde. Seither bezeichnet man den Gebirgsteil auf deutscher Seite überwiegend als Bayerischen Wald, während der Name Böhmerwald hauptsächlich für die tschechischen und österreichischen Gebiete verwendet wird.

Aus geografischer Sicht ist diese Unterscheidung allerdings ziemlich willkürlich. Schließlich endet ein Gebirge nicht an einer Staatsgrenze. Der Bayerische Wald und die Šumava bilden weiterhin eine zusammenhängende Mittelgebirgslandschaft.

Vielleicht sollten wir uns deshalb viel häufiger daran erinnern, dass es sich bei beiden Regionen ursprünglich um ein und denselben Böhmerwald handelt.

Eine Landschaft mit eigenem Charakter

Landschaftlich unterscheidet sich der tschechische Teil durchaus vom Bayerischen Wald. Während auf bayerischer Seite vielerorts die markanten Gipfel und steilen Berghänge das Landschaftsbild prägen, erstrecken sich auf tschechischer Seite ausgedehnte Hochflächen, die von tief eingeschnittenen Flusstälern durchzogen werden.

Gerade die Gegend um Srní empfanden wir als besonders ursprünglich. Die Wälder wirken stellenweise noch weitläufiger und abgeschiedener, als wir es aus dem Bayerischen Wald kennen. Das ist natürlich ein subjektiver Eindruck, der aber sicherlich auch mit der dünneren Besiedlung und der besonderen Geschichte der Grenzregion zusammenhängt. Denn große Teile des Böhmerwalds waren während des Kalten Krieges über Jahrzehnte nur eingeschränkt zugänglich. Was für die Menschen damals eine tragische Entwicklung war, hatte aber auch zur Folge, dass manche Landschaftsbereiche von einer intensiveren touristischen Erschließung verschont blieben.

Auch geografisch ist die Region interessant. Hinter dem Grenzkamm öffnet sich eine ausgedehnte Hochlandschaft, in die sich Flüsse wie die Vydra über Jahrtausende eingeschnitten haben. Diese unterschiedlichen Landschaftsformen machen den Reiz der Region aus.

Srní – ein kleines Dorf mit bewegter Geschichte

Unser Ausgangspunkt war das Hotel Srní im gleichnamigen Dorf, das auf rund 850 Metern Höhe liegt.

Srní, früher Rehberg genannt, entstand im 18. Jahrhundert als Holzfällersiedlung. Die Geschichte des Ortes ist eng mit der Waldwirtschaft verbunden, die über lange Zeit die wichtigste Lebensgrundlage der Bevölkerung darstellte. Der deutsche Name Rehberg und der tschechische Name Srní erinnern beide an die hier einst häufig vorkommenden Rehe. Die Gemeinde nennt das Jahr 1726 als Gründungsjahr der Holzfällersiedlung.

Eine Besonderheit der Region waren die sogenannten Künischen Freibauern. Sie besaßen historische Sonderrechte und waren unmittelbar der königlichen Herrschaft unterstellt. Zu ihren Aufgaben gehörte unter anderem die Sicherung der Grenze. Der Begriff „künisch“ leitet sich dabei von „königlich“ ab.

Später entwickelte sich die Region zu einem wichtigen Standort der Glasherstellung und Holzverarbeitung. Gerade der enorme Holzbedarf der damaligen Zeit führte dazu, dass man immer neue Möglichkeiten suchte, die abgelegenen Wälder wirtschaftlich zu erschließen. Davon zeugt noch heute der Vchynice-Tetov-Schwemmkanal, dem wir am Nachmittag folgen sollten.

Auch der bekannte Böhmerwald-Schriftsteller Karel Klostermann war eng mit Srní und seiner Umgebung verbunden. In seinen Erzählungen beschrieb er das oft entbehrungsreiche Leben der Menschen in dieser rauen Mittelgebirgslandschaft.

Durch die Wälder von Srní zum Wolfsgehege

Unsere erste Wanderung führte uns direkt vom Hotel Srní zum nahe gelegenen Wolfsgehege des Nationalparks. Wir entschieden uns bewusst dafür, den Weg zu Fuß zurückzulegen, obwohl sich direkt am Besucherzentrum ein großer Parkplatz befindet. Schließlich wollten wir nicht nur die Wölfe sehen, sondern auch die umliegende Waldlandschaft kennenlernen.

Der Weg führte uns durch die Wälder rund um Srní. Bereits hier bestätigte sich unser erster Eindruck von der Region: ausgedehnte Waldflächen, angenehm ruhige Wanderwege und eine Landschaft, die uns stellenweise noch etwas ursprünglicher erschien als die uns vertrauten Wälder des Bayerischen Waldes.

Ende Mai zeigte sich die Natur bereits in frischem Grün. Die Temperaturen waren angenehm und die Bedingungen für eine Wanderung ideal. Besonders positiv fiel uns auf, wie ruhig es unterwegs war. Wir begegneten nur wenigen anderen Wanderern, was sicherlich auch daran lag, dass wir außerhalb der eigentlichen Hauptreisezeit unterwegs waren.

Nach einiger Zeit erreichten wir schließlich das Besucherzentrum mit dem Wolfsgehege, der Weg dorthin ist vom Hotel durchgängig mit Wegweisern ausgeschildert.

Wölfe im Nationalpark Šumava

Das Besucherzentrum bei Srní wurde 2015 eröffnet und widmet sich vor allem den großen Beutegreifern des Böhmerwalds. Die Anlage ist schön in die umgebende Waldlandschaft eingebettet. Neben einem kleinen Informationszentrum gibt es einen Lehrpfad durch den Wald und natürlich das eigentliche Wolfsgehege.

Das rund drei Hektar große Gehege kann normalerweise von einem etwa 300 Meter langen, erhöhten Holzsteg aus eingesehen werden. Dieser führt in drei bis vier Metern Höhe durch das Gelände und bietet verschiedene Beobachtungsmöglichkeiten. Bei unserem Besuch war der Holzsteg leider aufgrund von Instandsetzungsarbeiten gesperrt.

Das war natürlich schade, schließlich hatten wir uns auf die Möglichkeit gefreut, die Tiere von verschiedenen Positionen aus beobachten zu können. Glücklicherweise hielten sich jedoch mehrere Wölfe in der Nähe des Eingangsbereichs auf, sodass wir die Tiere trotzdem ausgiebig beobachten konnten. Und natürlich hatte ich auch meine Kamera mit Teleobjektiv dabei, was mir tolle Nahaufnahmen dieser interessanten Tiere ermöglichte.

Gerade bei Wölfen finde ich es faszinierend, wie aufmerksam die Tiere ihre Umgebung wahrnehmen und wie viel ihrer Kommunikation über Körpersprache erfolgt. Auch wenn es sich hier um Tiere in einem Gehege handelt, ist es beeindruckend, diese großen Beutegreifer aus vergleichsweise geringer Entfernung beobachten zu können.

Die dabei entstandenen Aufnahmen möchte ich euch hier natürlich nicht vorenthalten.

Die Rückkehr der Wölfe in den Böhmerwald

Wölfe gehören ursprünglich zur heimischen Tierwelt des Böhmerwalds, waren jedoch über lange Zeit aus der Region verschwunden. Erst in jüngerer Vergangenheit sind sie auf natürlichem Weg zurückgekehrt. Seit 2015 werden wieder wild lebende Wölfe im Böhmerwald nachgewiesen. Ihre Rückkehr ist aus ökologischer Sicht besonders interessant. Als große Beutegreifer stehen Wölfe weit oben in der Nahrungskette und können Einfluss auf die Bestände und das Verhalten ihrer Beutetiere nehmen.

Dabei geht es nicht nur darum, wie viele Rehe oder Hirsche ein Wolfsrudel erbeutet. Auch das Verhalten der Pflanzenfresser kann sich durch die Anwesenheit von Wölfen verändern. Solche indirekten Auswirkungen auf ein Ökosystem werden als trophische Kaskaden bezeichnet.

Allerdings sollte man mit einfachen Schlussfolgerungen vorsichtig sein. Die Vorstellung, dass allein die Rückkehr des Wolfs automatisch zu gesünderen Wäldern führt, greift zu kurz. Dafür sind die ökologischen Zusammenhänge zu komplex und von zu vielen Faktoren abhängig. Dennoch ist die Rückkehr des Wolfs ein wichtiger Baustein für die Wiederherstellung möglichst vollständiger natürlicher Lebensgemeinschaften.

Vor unserem Besuch im Wolfsgehege schauten wir uns das Informationszentrum an, das durchaus einen Besuch wert ist. Auch der kurze Lehrpfad durch den Wald ist schön angelegt und man genießt auf dem Weg zum Wolfsgehege die Anwesenheit alter Buchen, Tannen und Fichten.

Nach dem Besuch des Wolfsgeheges bzw. des Besucherzentrums marschierten wir den gleichen Weg zurück zu unserem Hotel nach Srní.

Link zu meiner Komoot-Tour | GPX-Datei herunterladen

Wanderung von Srni zum Besucherzentrum und Wolfsgehege
Wanderung von Srni zum Besucherzentrum und Wolfsgehege

Entlang des Vchynice-Tetov-Schwemmkanals zur Hauswaldkapelle

Am späten Nachmittag stand noch eine zweite, kürzere Wanderung auf unserem Programm. Unser Ziel war die historische Hauswaldkapelle, deren Überreste etwas außerhalb von Srní mitten im Wald liegen.

Wir nutzen den Wanderparkplatz Mechov bei Srní (Parkoviště Mechov) und gehen direkt entlang des Vchynice-Tetov-Schwemmkanals, der auf Deutsch auch als Chinitz-Tettauer Schwemmkanal bezeichnet wird.

Ehrlich gesagt waren wir anfangs etwas skeptisch, denn der Weg entlang des Kanals ist über weite Strecken asphaltiert – wie so viele Wege hier im Nationalpark. Gerade bei Wanderungen in der Natur bevorzugen wir normalerweise schmale Waldwege und möglichst naturbelassene Pfade. Unsere Bedenken erwiesen sich allerdings als unbegründet.

Der Kanal schlängelt sich ausgesprochen idyllisch durch die Wälder. Das ruhig dahinfließende Wasser, die umgebenden Bäume und die angenehme Stille machten die Wanderung zu einem schönen Erlebnis. Dabei ist der Kanal keineswegs ein natürliches Gewässer, sondern ein beeindruckendes Zeugnis historischer Ingenieurskunst.

Entlang am  Vchynice-Tetov-Schwemmkanal
Entlang am Vchynice-Tetov-Schwemmkanal

Ein technisches Meisterwerk aus der Zeit um 1800

Der Vchynice-Tetov-Schwemmkanal wurde zwischen 1799 und 1801 unter der Leitung des Ingenieurs Josef Rosenauer errichtet. Sein Zweck war es, Holz aus den schwer zugänglichen Wäldern des Böhmerwalds abzutransportieren. Das Problem war aber die Vydra. Der Fluss besitzt in seinem Unterlauf ein starkes Gefälle und ein ausgesprochen felsiges Flussbett – was wir am nächsten Tag noch selbst sehen werden. Für den Transport von Holz war dieser Abschnitt deshalb kaum geeignet.

Rosenauer entwickelte eine technisch bemerkenswerte Lösung: Er ließ einen künstlichen Wasserlauf anlegen, der den schwierigen Abschnitt der Vydra umging. Der Kanal beginnt an der Vydra bei der historischen Rechelbrücke und führt über rund 16 Kilometer bis zur Křemelná, dem früheren Kieslingbach. Dabei überwindet er einen Höhenunterschied von etwa 190 Metern. Das entspricht einem durchschnittlichen Gefälle von rund 1,2 Prozent.

Für den Holztransport war das entscheidend. Das Wasser musste ausreichend schnell fließen, um die Holzscheite mitzuführen, durfte dabei aber nicht so turbulent werden, dass sich das Holz ständig verkeilte. Eine bemerkenswerte Ingenieurleistung, wenn man bedenkt, dass der Kanal vor mehr als 225 Jahren mit den damaligen technischen Möglichkeiten angelegt wurde.

Noch interessanter ist allerdings, warum sich dieser Aufwand überhaupt lohnte: Das Holz wurde über den Kanal und anschließend über die Flüsse Otava und Moldau bis nach Prag transportiert. Die Wälder des Böhmerwalds lieferten damit einen wichtigen Rohstoff für die weit entfernte Hauptstadt.

Vom Holztransport zur Stromerzeugung

Heute hat der Kanal seine ursprüngliche Funktion weitgehend verloren. Allerdings wird ein Teil des Wassers weiterhin genutzt, inzwischen zur Energiegewinnung. Über ein System aus Wasserfassungen, Leitungen und Speichern wird Wasser zum Wasserkraftwerk Vydra bei Čeňkova Pila geleitet.

Damit erfüllt ein Bauwerk, das ursprünglich für den Holztransport errichtet wurde, mehr als zwei Jahrhunderte später noch immer einen technischen Zweck.

Ich finde solche historischen Ingenieurbauwerke besonders interessant. Sie zeigen, mit welchem Aufwand Menschen bereits damals natürliche Gegebenheiten nutzten und veränderten, um wirtschaftliche Herausforderungen zu lösen.

Aus heutiger Sicht muss man die damalige intensive Holznutzung natürlich auch kritisch betrachten. Schließlich wurden die Wälder nicht aus Gründen des Naturschutzes erschlossen, sondern als Rohstoffquelle genutzt. Umso bemerkenswerter ist es, dass sich die Region heute zu einem der bedeutendsten Waldschutzgebiete Mitteleuropas entwickelt hat.

Die Hauswaldkapelle – ein fast vergessener Wallfahrtsort

Nach der Wanderung entlang des Kanals erreichten wir schließlich die Überreste der Hauswaldkapelle.

Mitten im Wald befinden sich heute noch die freigelegten Grundmauern der ehemaligen Kapellen. Was zunächst wie eine unscheinbare historische Stätte wirkt, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als ein Ort mit einer bewegten Vergangenheit.

Die Geschichte der Hauswaldkapelle reicht bis ins frühe 19. Jahrhundert zurück. Bereits damals galt die nahe gelegene Quelle als besonderer Ort, dem heilende Kräfte zugeschrieben wurden. Der Überlieferung nach sollen Menschen durch das Wasser von Krankheiten geheilt worden sein, insbesondere von Augenleiden.

Eine der Legenden erzählt von zwei Frauen, die im Wald von einem Bären überrascht wurden. Nachdem sie zur Jungfrau Maria gebetet hatten, soll das Tier von ihnen abgelassen haben. Solche Geschichten verbreiteten sich und machten den Ort zu einem beliebten Wallfahrtsziel.

Im Jahr 1820 wurde schließlich die erste kleine Kapelle errichtet. Aufgrund des zunehmenden Pilgerandrangs entstand 1860 eine größere Kapelle, die allerdings bereits nach wenigen Jahren bauliche Probleme aufwies.

1902 wurde eine dritte Kapelle fertiggestellt. Der Ort entwickelte sich zu einem bedeutenden regionalen Wallfahrtsziel und wurde wegen seiner angeblich heilenden Quelle auch als „Lourdes des Böhmerwalds“ bezeichnet.

Die Zerstörung der Kapelle im Kalten Krieg

Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs änderte sich das Leben im Böhmerwald grundlegend. Die überwiegend deutschsprachige Bevölkerung wurde aus der Tschechoslowakei vertrieben. Zahlreiche Ortschaften verloren einen Großteil ihrer Einwohner, manche verschwanden vollständig.

Auch die Hauswaldkapelle verlor damit einen großen Teil ihrer traditionellen Pilgergemeinschaft. Hinzu kam die Einrichtung militärischer Sperrgebiete entlang der Grenze.

In den späten 1950er-Jahren wurde die Hauswaldkapelle schließlich von Soldaten gesprengt. Häufig wird dafür das Jahr 1957 genannt, während andere Darstellungen die Zerstörung auf 1958 datieren.

Besonders eindrücklich ist der Bericht des später bekannten Böhmerwald-Kenners Emil Kintzl, der damals als Lehrer nach Srní gekommen war und sich an die Explosion erinnerte. Die Sprengung bedeutete das Ende eines Wallfahrtsortes, der über Generationen für die Menschen der Region von großer Bedeutung gewesen war.

Eine Marienstatue aus der ehemaligen Kapelle blieb erhalten und befindet sich heute in der Kirche von Srní. Erst nach dem Ende des Kalten Krieges wurde es möglich, sich wieder intensiver mit der Geschichte des Ortes auseinanderzusetzen.

Im Jahr 2006 wurden die Grundmauern der Kapellen freigelegt und die historische Quelle neu gestaltet.

Die Quelle der Hauswaldkapelle – ein Ort mit besonderer Atmosphäre

So interessant die Geschichte der ehemaligen Kapellen auch ist, noch stärker beeindruckt hat uns die schön gestaltete Quelle. Das Quellwasser wird heute über mehrere hölzerne Rinnen durch den Wald geleitet, bevor es schließlich auf einen gläsernen Stein trifft.

Die Anlage wirkt auf den ersten Blick schlicht und fügt sich ausgesprochen harmonisch in die natürliche Umgebung ein. Dahinter verbirgt sich allerdings eine interessante Symbolik.

Die hölzernen Wasserrinnen ruhen auf insgesamt 59 Steinen, welche die Perlen eines Rosenkranzes symbolisieren.

Das Wasser fließt schließlich auf einen Glasblock, in dem zwei zusammengelegte Hände dargestellt sind. Geschaffen wurde dieses Kunstwerk von der tschechischen Glaskünstlerin Vladěna Tesařová.

Auf dem Glas befindet sich ein Bibelzitat aus der Offenbarung des Johannes, das auf das Wasser des Lebens Bezug nimmt. Gerade die Verbindung aus Wasser, Stein, Holz und Glas macht die Anlage zu etwas Besonderem.

Wer sich auf die religiösen Überlieferungen einlässt, kann durchaus nachvollziehen, warum dieser Ort über Generationen hinweg Menschen angezogen hat. Die Stille des Waldes, das leise Plätschern des Wassers und die zurückhaltende Gestaltung der Anlage erzeugen eine besondere Atmosphäre.

Es ist einer dieser Orte, an denen man gerne etwas länger verweilt. Und vielleicht ist genau das auch der Grund, warum die Hauswaldkapelle bis heute ein Wallfahrtsort geblieben ist. Denn trotz der Zerstörung der Kapellen ist die Bedeutung des Ortes nicht vollständig verloren gegangen. Noch heute finden hier religiöse Veranstaltungen statt. Für uns war der Besuch jedenfalls einer der schönsten Eindrücke unseres ersten Tages im Nationalpark Šumava.

Route zur Hauswaldkapelle
Route zur Hauswaldkapelle

Unsere Wanderungen rund um Srní

Beide Wanderungen lassen sich gut an einem Tag unternehmen und bieten eine abwechslungsreiche Mischung aus Natur, Tierbeobachtung und Geschichte.

Wanderung zum Wolfsgehege

TourdatenAngaben
AusgangspunktHotel Srní
Streckeca. 6,8 km
Aufstiegca. 160 hm
SchwierigkeitLeicht
BesonderheitenWaldlandschaft, Besucherzentrum, Wolfsgehege

Link zu meiner Komoot-Tour | GPX-Datei herunterladen

Wer das Wolfsgehege besuchen möchte, sollte sich vorab über die aktuellen Öffnungszeiten informieren. Der Eintritt ist kostenlos, nur der Parkplatz ist kostenpflichtig, falls man direkt mit dem Auto hin fahren möchte.

Wanderung zur Hauswaldkapelle

TourdatenAngaben
AusgangspunktWanderparkplatz Mechov bei Srní
(Parkoviště Mechov)
Streckeca. 4,7 km
Aufstiegca. 90 hm
SchwierigkeitLeicht
BesonderheitenVchynice-Tetov-Schwemmkanal, Kapellenruinen und Quelle

Link zu meiner Komoot-Tour | GPX-Datei herunterladen

Für die Wanderung zur Hauswaldkapelle empfiehlt es sich, etwas Zeit mitzubringen. Nicht wegen der Schwierigkeit der Strecke, sondern weil es sich lohnt, die historische Anlage und besonders die Quelle in Ruhe anzusehen.

Fazit – Ein abwechslungsreicher erster Tag im Böhmerwald

Unser erster Tag im Nationalpark Šumava hat uns bereits gezeigt, dass sich ein Besuch des tschechischen Böhmerwalds definitiv lohnt. Die weitläufigen Wälder rund um Srní, die Begegnung mit den Wölfen und die Wanderung entlang des historischen Schwemmkanals zur Hauswaldkapelle hätten unterschiedlicher kaum sein können.

Besonders gefallen hat uns die Ruhe der Region. Obwohl wir uns in einem touristisch durchaus erschlossenen Gebiet befanden, begegneten wir nur wenigen anderen Menschen.

Auch die bewegte Geschichte des Böhmerwalds hat bei uns einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Gerade Orte wie die Hauswaldkapelle erinnern daran, dass diese Landschaft nicht nur aus Wäldern und Bergen besteht, sondern über Jahrhunderte auch Lebensraum und Heimat vieler Menschen war.

Für uns war es jedenfalls der richtige Entschluss, die Region jenseits der Grenze einmal genauer kennenzulernen. Und dabei sollte es nicht bleiben.

Am nächsten Tag stand eine ausgedehnte Wanderung durch das wildromantische Tal der Vydra auf unserem Programm, die landschaftlich noch einmal ganz andere Eindrücke bereithielt.

Weiterlesen: Wandern im Nationalpark Šumava – Durch das wilde Vydra-Tal (Teil 2, folgt)

Habt ihr den tschechischen Böhmerwald bereits besucht oder kennt ihr vielleicht weitere interessante Wanderziele im Nationalpark Šumava? Dann hinterlasst mir gerne einen Kommentar. Ich freue mich über eure Erfahrungen, Tipps und Fragen.


Reiseziele, über die ich auf imrazor.de berichte, haben wir selbst bereist und intensiv erkundet.

Wenn Du Unterstützung bei der Planung und Buchung Deiner eigenen Reise suchst, hilft Dir meine Frau Julia gerne weiter. Als Reiseberaterin findet sie passende Hotels, Rundreisen und Pauschalreisen für Deine Wünsche. Dein persönliches Reisebüro ohne klassisches Ladenlokal.

Ganz ohne zusätzliche Beratungsgebühren!

👉  Weitergehende Informationen findest Du auf ihrer Webseite: Reichert-Reisen.de.


Autor

Hi! Ich bin Andreas und betreibe diese Seite, auf der ich über Themen rund um IT-Technik, Reisen, Wandern und Fotografie schreibe. Dir gefallen meine Artikel und du möchtest mir einen virtuellen Kaffee ausgeben? Gerne! PayPal.me/imraz0r

Einen Kommentar schreiben